Ideentifikation.

„Was willst du denn bei die Greuther? Da sind dreitausend Leute im Stadion …“ – Es ist gerade noch so die erste Pause, meine Schulklasse findet sich allmählich in einem abgenutzten Schulbus ein, der uns in wenigen Minuten zum Sportunterricht auf die Anlage eines großen Fürther Breitensportvereins bringen sollte. Die Clique von Jungs, mit der ich regelmäßig im Hof kicke, lenkt ihre Gespräche erwartungsgemäß auf das Thema Fußball. In einem vorpupertären Alter färbt die vereinsbezogene Gesinnung der Eltern erfahrungsgemäß noch stark auf das Sympathieempfinden der Sprösslinge ab und folgerichtig finde ich mich in einem in seiner Zusammensetzung obligatorischen Konstrukt aus Club- und Bayernfans wieder. Nunja, Fan ist in diesem Zusammenhang retrospektivisch wohl eher als Abkürzung für die Bezeichnung Fähnchen im Wind zu verstehen. Aus einem mir heute nicht mehr bekannten Grund wird mein Stadionbesuch am Wochenende thematisiert, das oben beschriebene Zitat fällt. Ich verstand schnell, dass jeglicher Versuch argumentativ zu antworten der provokativen Frageintention nicht gerecht geworden wäre und zeigte mich rein äußerlich bemüht unbeeindruckt, wenngleich die unreife Persönlichkeit natürlich von solcherlei Provokationen angegriffen wird. Einerseits möchte man gegenüber seinen Mitschülern natürlich keine Schwäche zeigen, die Angriffsfläche für folgende Piesackereien liefern könnte. An meiner Überzeugung, denn darauf zielen derlei dämliche Kommentare schließlich meistens ab, änderte das überhaupt nichts. – Aus heutiger Sicht fällt es mir wirklich schwer, zu benennen, was damals der Grund für meine feste Überzeugung war. Abgedroschen formuliert: Einmal auf den Geschmack gekommen, also eine Hand voll Spiele im Stadion erlebt, sporadisch mit anderen Zuschauern Worte gewechselt, mit der ganzen Sache ein wenig auseinandergesetzt, fühlte es sich einfach richtig an.

Mittlerweile sind gut und gerne fünf Jahre vergangen, seit ich eine Zeit lang regelmäßig an dieses konkrete, symbolische Ereignis in meiner Schulzeit zurückdenken musste. Mit unbändigem Stolz konnte man zu der damaligen Zeit Revue passieren lassen, auf welchem surreal erscheinenden Weg man sein Kleeblatt weit über ein Jahrzehnt hinaus begleitet hatte. Auf der einen Seite sind da noch Heimspiele gegen LR Ahlen oder Rot-Weiß Oberhausen in meinem Gedächtnis, die man mit 3.000 anderen Bekloppten unter einen widerspenstigen Regenponcho gezwängt – zu dieser Zeit übrigens noch kein Choreoutensil – auf der damals noch unüberdachten Nordtribüne (only 90s kids will remember) verfolgte. Auf der anderen Seite ist da eine Spielvereinigung in meinem Kopf, die mit einigen Spielern aus der eigenen Jugend und einer gigantischen Saison im Rücken in die Eliteklasse aufstieg. Im Rahmen der Fürther Verhältnisse musste man – ich klinge jetzt möglichweise ein wenig, wie unser werter Präsident gelegentlich – sagen: Eine absolute Erfolgsgeschichte. Das Kleeblatt legt den Makel der Unaufsteigbaren ab, das Stadion wird punktuell modernisiert, der Verein darf regelmäßig einen pickepackevollen Ronhof vermelden. Wenngleich man von den verwöhnten, anspruchsvollen Bundesligaanhängern zum allergrößten Teil noch immer als die nicht ernstzunehmende Nummer beäugt wird, die halt irgendwo in einer Reihe mit dem SC Paderborn und anderen vergleichbaren One-Hit-Wondern auch mal ihre 34 Matches of Fame abbekommen sollte – es gelang trotz einer im Nachhinein leicht überenttäuschenden Saison doch, wieder ein wahrnehmbares Ausrufezeichen auf die Landkarte der Fußballbedeutsamkeit zu packen. Die Spielvereinigung war nicht länger der sinnbildliche, labbrige Regenponcho im mittelfränkischen Nieselregen.

Tja, „war“. Präteritum, an dieser Stelle bewusst gewählt. Und um nun den großen Bogen zur Aktualität zu spannen, möchte ich an dieser Stelle eine provokante Frage in den Raum stellen:
Was davon ist bis heute überhaupt noch übrig geblieben?

Dämpfer

Das Kleeblatt kämpft sich in der laufenden Spielzeit im DFB-Pokal bis zu einem Heimspiel gegen die Borussia vom Niederrhein durch. Eine Runde früher hieß der nach Fürth gereiste Kontrahent noch FSV Mainz 05. Für die absolut enttäuschende Zuschauerzahl von sechstausendirgendwas Leuten hat man zur unaufgeregten Enttäuschungslinderung die üblich verdächtigen Realitivierungsmittel zur Hand: Kalt wäre es schließlich schon gewesen, an so einem für Arbeitnehmer super ungeschickten Dienstagabend und, naja, so ein überragend attraktiver Gegner ist dieses Mainz dann halt doch auch wieder nicht.

Das Nächstrundenlos Mönchengladbach versprach dann doch die Strahlkraft eines Bundesligisten zu vermitteln. Eines Champions League-Teilnehmers. Ein leichter Hauch vom internationalen Glamour des Weltfußballs sollte durch den altehrwürdigen Ronhof wabern. Ein mit Nationalspielern gespickter Kader, ein Traditionsverein mit stattlich gefüllter Trophäenvitrine. In diesen exquisiten Genuss wollten schlussendlich nach offizieller Zählart rund zwölftausend Besucher kommen – auch wenn rund um meinen angestammten Platz im Stadion die Diskussion entstand, an welchen Stellen im Ronhof an diesem Abend noch rund dreitausend Leute hätten Platz finden sollen, stellte die Summe doch erneut eine spürbare Enttäuschung dar.
Nun ist die Zuschauerproblematik beim Kleeblatt ja schlussendlich doch auch keine neue. Und paradoxerweise eine Problematik, die wenig nachvollziehbar ist. Macht man sich unmittelbar nach den Spielen auf den Fußweg durch die stadionnahen Straßen, kommt einem in regelmäßigen Abständen diese obligatorische Gruppe Fußgänger entgegen, die beim Sichten des weiß-grün leuchtenden Schals ein „Wie hamsn gschbilld?!“ nicht unterdrücken kann. Gut, nachdem sich das Smartphone erwartbar zum state of the art sämtlicher Altersgruppen gemausert hat, haben auch solche Vorkommnisse quantitativ abgenommen, aber eine Frage bleibt doch: Warum in Dreiherrgottsnamen schwingen diese Leute, trotz offensichtlichem Interesse an den Spielen der Spielvereinigung und offenkundig zum Zeitpunkt des Spiels weitestgehend frei von Terminen, ihren Hintern nicht ins Stadion? Wo sind die ganzen Leute, die sich pünktlich zu den Highlightspielen mit Karten eindecken, denn bei den Ligaalltagsspielen gegen Sandhausen oder Kaiserslautern? Offensichtlich gibt es, trotz einer Vielzahl überwiegend rot-dominierter Landkreise in der näheren Umgebung, ja doch einen soliden Stamm von Fußballinteressierten mit einer gewissen Affinität zur Spielvereinigung.
Die Schwelle, die bei der Entscheidung für einen persönlichen Stadionbesuch überwunden werden muss, scheint für einen beträchtlichen Teil der Fürther Anhänger und Sympathisanten im Moment höher zu liegen, wie es bereits einmal der Fall war.

Über die Gründe für das Fernbleiben der eigenen Anhängerschaft bzw. der geneigten Symphatisanten, die in ihrer Gesamtheit vermutlich vielschichtig sind, kann man selbstverständlich nur mutmaßen. Man bedenke an dieser Stelle, dass das Kleeblatt über die letzten Jahre einige Umfragen startete, die wohl Licht in dieses thematische Dickicht bringen sollten. Wie könnte man den Stadionbesuch attraktiver machen? oder Wie könnte die Anreise angenehmer gestaltet werden? wurde da beispielsweise sinngemäß erfragt. Zeigt, dass die Erforschung dieser Gründe auch von offzieller Seite beleuchtet wurde. Gebracht scheint es, gelinde gesagt, nicht viel zu haben. Leider. – Das Zugpferd sportlicher Erfolg scheint eben nicht nur in Leipzig für einen Antrieb zu sorgen, der die Leute in größerer Menge hinter dem Ofenrohr hervor zu locken vermag. Verspricht eine Mannschaft nicht für das wöchentlich berauschende Fußballerlebnis sorgen zu können, scheint das für die Leute ein wesentlicher Hemmschuh auf dem Weg ins Stadion zu sein. Wer möchte schließlich auch schon arbeitenden, ehrlichen Fußball sehen?! – Nein, so einfach darf man es sich bei der Erklärung sicher auch nicht machen. Das Gegenbeispiel liefert beinahe tagesaktuell die bezuschusste Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim 1899 e. V., die trotz attraktivem Spektakelfußballs und einem vierten Tabellenplatz mit dem eigenen Zuschauerzuspruch hadert. Bevor nun die Ersten erhobenen Zeigerfingers ins Wort fallen möchten: Ja, der Vergleich des Badener Dorfs mit der restlichen Obrigkeit der Bundesliga mag hinsichtlich der dortigen Voraussetzungen sicherlich ein wenig hinken, aber: es zeigt recht eindrucksvoll, dass die flugs aufgestellte Gleichung sportlicher Erfolg = Attraktivität = verstärkter Zuschauerzuspruch eben doch einer zu eindimensionalen Vorstellung folgt. Es muss schon noch mehr zusammenpassen, damit die Tickets in besonderem Maß ans Volk gebracht werden.

Identifikation

Die Nürnberger Nachrichten griff mir beim Verfassen dieses Textes kurz vor dem Derby ein Stück weit vorweg und druckt in wenigen Zitaten, entnommen aus einem Interview mit Trainer Radoki, ein Meinungsbild ab, das ich an meiner persönlichen Zustimmung gemessen nicht unverbreitet lassen möchte:

„Zumindest einen Wunsch für die Spielvereinigung hat er [=Radoki] schon geäußert. ‚Identifikation‘ muss für die Zukunft wieder das Schlagwort für die Spielvereinigung sein. ‚Der Fußball ist übersättigt. Jeden Tag kommt irgendwo ein Spiel im Fernsehen. […]‘ – Um auch den Zuschauerschwund in Fürth zu stoppen, müsse der Verein wieder vermehrt auf den eigenen Nachwuchs setzen, ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Über Jahre genoss die SpVgg einen exzellenten Ruf als Ausbildungsverein.“

Betrachtet man etwas detailreicher, welche Maßnahmen die Spielvereinigung in vielerlei Hinsicht in der näheren Vergangenheit eingeleitet hat, sehe ich ein klares Bestreben, das Radokis Forderung untermauert: Stärkung der eigenen Identität, Stärkung der Identifikation mit dem Verein.

 

Als ersten Punkt möchte ich den neuen Caterer anführen. Die subjektive Rezeption der angebotenen Speisen und Getränke an dieser Stelle mal bewusst ausgeklammert, ist es schon ein grundlegender Unterschied, ob man einen regional ansässigen Caterer (über den Firmensitz hüllen wir mal den Mantel des Schweigens) oder einen Massencaterer von der Stange beauftragt, der mit einem Standardangebot nach dem 0815-Prinzip Bier-Wurst-Eis ein dutzend Stadien parallel versorgt. Die fränkische Betitelung der angebotenen Speisen ist eine nette Randnotiz, die Individualität und Heimatverbundenheit suggeriert.

O Captain! My Captain!

Auch der Trainerwechsel stellt einen weiteren Fingerzeig dar:
Professionell emotionslos und in der Konsequenz der Entscheidung für Fürther Gewohnheiten beinahe etwas untypisch wirkend, wird das Kapitel Ruthenbeck im letzten Viertel der Vorrunde folgerichtig beendet. Schlussendlich klingt ein passendes Resümee wohl wie der Trennungsgrund vieler heranwachsender Paare dieser Zeiten: Es hat einfach nicht mehr gepasst. Auseinandergelebt, zerstritten, Perspektive verloren.

Ambitioniert und vollmundig trat er seine Aufgaben damals an, dabei nicht müde geworden zu betonen, dass man es mit Prozessen zu tun hätte. Eine entwicklungsbedürftige, vermeintlich elitäre Spielidee, die Offensivspektakel und Dominanz versprechen sollte. Eine Spielidee, die Fürth im dunkelgrauen Alltag der zweiten Liga aufleuchten lassen sollte. Die Annahme, dass Ruthenbeck mit dieser Spielidee weniger die Spielvereinigung als viel mehr seinen eigenen Namen verknüpft sehen wollte, liegt heute nicht übermäßig fern.

Der stellenweise zu verbissen unangepasst und überkonsequent erscheinen wollende Übungsleiter stolperte rückblickend über das, was ihm viele als seine große Stärke auslegen wollten – die vordergründig lockere, auf Sachebene jedoch tendenziell anmaßende Kommunikation in der Öffentlichkeit. Dass seine Mannschaft in kaum mehr als einer Hand voll Spiele im Zeitraum von eineinhalb Spielzeiten so funktionierte, wie es die nachgeeiferte Ambition versprochen hatte, ist dabei wohl sicherlich ein Aspekt, allerdings nicht der ausschlaggebende. Auch innerhalb des Kaders schien sein Führungsstil, gemessen an der hohen Quote unzufriedener, unmotivierter oder gar regelrecht geschasster Profis, nicht mehr zu fruchten.

Dem zu diesem Zeitpunkt bereits angezählten Ruthenbeck war es nach eigener Aussage etwa „scheißegal“, wie andere seine Arbeit bewerteten. Eine unmissverständliche Spitze gegenüber seiner Vorgesetzten im Verein. Just zu einer Zeit, als die nächsten Entwicklungsschritte der Mannschaft all zu überfällig erschienen und das falsche Ende der Tabelle in Sichtweite geriet. Das Publikum hinter der Auswechselbank erhielt Mitte der vergangenen Saison im Rahmen eines impulsiv vorgetragenen Interviews gar das Prädikat „asozial“ verliehen. – Wer meine Gedanken im Rahmen dieses Blogs etwas verfolgt, weiß eventuell, dass auch ich lange an Ruthenbecks Idee wie auch deren Erfolg glaubte. Ein Glaube, der mit dem Verlauf der vergangenen Vorrunde zügig abbaute. Trotz des Zugeständnisses von Entwicklungszeit und der – zumindest öffentlich so kommunizierten – Verpflichtung von Wunschspielern, war der Fortschritt stark ernüchternd. Es wurde zunehmend spürbar, wie die Auftritte der Mannschaft weder auf dem Feld, noch auf den Rängen Feuer zu entfachen vermochten. Ruthenbeck kam als Mensch zu keinem Zeitpunkt in Fürth an, schien mit seiner sturköpfig verbissenen Ader kaum Zugang zur eigentlich recht artenverwandten, muffelig pessimistischen Art der Mittelfranken zu finden. Stefan Ruthenbeck gab in der gesamten Zeit seines Engagements keine Figur ab, mit der sich die Anhänger anfreunden konnten. Geschweige denn: identifizieren.

Symbiose

Der neue Übungsleiter ist ein alter Bekannter: Janos Radoki. Ein Mann, dessen aktive Zeit beim Kleeblatt mit meiner aktiven Zeit beim Kleeblatt leider eine verschwindend geringe Schnittmenge bildet. Dennoch sollte der Name Radoki natürlich ein gängiger Begriff für jeden Fürther Fußballfreund sein. In gewisser Weise ist Radoki die Antithese Ruthenbecks. Aussagen, die stets realistisch und klar verpackt sind, stehen ebenso an der Tagesordnung, wie die offenkundig erfolgreiche Vermittlung bzw. Schärfung der nötigen Primärtugenden.
Radoki schafft es aktuell, die Spielvereinigung mit einer klaren Linie gewinnbringend weiterzuentwickeln. Die Defensive stellt sich den gegnerischen Angriffsbemühungen wieder deutlich souveräner in den Weg, die Systemumstellung scheint dem Stärken- und Schwächenprofil der angestellten Profis entgegen zu kommen. Radoki verspricht das zu sein, was die Spielvereinigung als Weiterentwicklung von Mike Büskens benötigte: Eine Führungsfigur, die es unaufgeregt, mit fundiertem Verständnis für die Vereinsphilosophie und Mentalität des Umfeldes, versteht, den Verein wieder seinem lange Zeit identitätsstiftenden Profil nahe zu bringen.

 

Jedoch scheint der Verein nicht nur in der Trainerpersonalie den Faktor Stallgeruch wieder stärker zu gewichten. Die Rückholaktion Schröcks war zu der damaligen Zeit ein Transfer mit Signalwirkung. Und fügt sich in seiner Machart nahtlos in das Bild vergangener Transfers ein, als Spieler wie Caligiuri und zuletzt auch Sararer zurückgeholt wurden. Der Verein scheint verstanden zu haben, dass die philosophiebedingte Verkaufs- und Rotationspolitik Gefahren birgt. Nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern vor allem in Form einer Distanzierung vom eigenen Anhang. Um jungen Profis einen gesunden Nährboden für die persönliche Entwicklung bieten zu können, muss ein Gerüst Halt bieten. Eine Rolle, die mit vereinserprobten Rückkehrern vor dem Hintergrund des limitierten Handlungsspielraums nahezu perfekt besetzt ist.
Das drehende Personalkarusell lässt einem kaum mehr die Möglichkeit, Spieler sozusagen lieb zu gewinnen. Kaum in Ruhe beäugt und im Optimalfall für tauglich befunden – Puff! – schon wieder weg. Ob Radoki ebenfalls diese Problematik im Kopf hatte, als er kurzerhand einige seiner ehemaligen A-Jugend Schützlinge zu den Profis holte, ist nicht übermittelt. So oder so ist es allerdings eine Entscheidung, die man aus der Perspektive Außenstehender nur gutheißen kann.

Ohne die anderen Jungprofis aus den eigenen Nachwuchsmannschaften zu kurz kommen lassen zu wollen, möchte ich einen aus dieser Riege doch herausstellen: Patrick Sontheimer. Und das sollte niemanden überraschen, der die Rückrunde der Spielvereinigung bis zu diesem Punkt verfolgte.
Der junge Mann, der noch inmitten des harten Kerns mit dem Bus zum letzten Auswärtsspiel der Vorrunde bei Union Berlin reiste und sich bei einer Partnerunternehmenvorstellung im Jugendinternat wie selbstverständlich im Gemeinsam nur nach vorne Shirt ablichten lässt, ist das vielleicht Beste, was dem Verein in der aktuellen Situation passieren konnte. Ein unbekümmerter, äußerst engagierter Spieler aus den eigenen Reihen, der mit seiner Spielweise schlicht mitreißt. In den bereits beschriebenen Zeiten hochfluktuierender Kaderzusammenstellungen sind es genau diese Geschichten, die einem noch den Glauben an die letzten romantischen Überreste im Fußball lassen. Aus dem Block auf den Platz. Und wer den Jungen nach dem Derby da so auf dem Zaun stehend gesehen (und besonders gehört) hat, die geballte Faust zum Himmel gestreckt, wer mitbekommt, wie er sich mit dem Verein und seinen Leuten identifiziert, mit erkennbarem Stolz seine Social Media Kanäle befüllt – der wird wahrscheinlich ähnlich wie ich spüren, wie ihm dabei das Herz aufgeht. Ja – Patso, das ist wirklich einer von uns.

Der letzte von uns war mit Sicherheit Eddy Prib. Und dessen Empfang zum Fernsehinterview unmittelbar vor Block 4 im Anschluss an den grandiosen Sieg gegen 96 war wohl nicht nur ein Zeichen der anhaltenden Dankbarkeit für Geleistetes, sondern konnte mit etwas Feingefühl für die Töne zwischen den Zeilen auch als unausgesprochene Sehnsucht nach Vergleichbarem gedeutet werden.

Schulterschluss

Gemeinsam! – Das neue Schlagwort, mit dem die Spielvereinigung neuerdings neben den Spielankündigungsplakaten im Stadtgebiet nicht nur das Titelbild des eigenen Facebook Auftritts verziert, ist ursprünglich der Horido’schen Feder entsprungen. Dass der Verein hierbei nicht, wie zuletzt im Rahmen diverser Kampagnen, auf eine gezahlte Agenturspielerei zurückgreift, sondern ein Aufkleber- und Spruchbandmotiv der Fanszene bevorzugt, hat sicherlich Symbolcharakter. Es stellt Wertschätzung gegenüber der Gruppe(n) dar. Es stellt im Kontext eigentlich gar nicht so sehr einen Wunsch dar – es ist schon fast ein Versprechen. Ein Versprechen, das mit Taten untermauert werden soll.
Wohlwissend: Nur wenn alle Komponenten im und um den Verein verzahnt im Einklang arbeiten, kann das Kleeblatt weiterhin seine erarbeitete Position im Fußballgeschäft verteidigen. Mindestens verteidigen.

Gemeinsam. (Quelle: http://www.spvgg-fuerth.com)

 

Der Anfang ist gemacht, die Weichen scheinen gestellt. Das Kleeblatt ist im Begriff sich aufzumachen, den unkomfortablen Trampelpfad des Rumwurstelns wieder zu verlassen. Nun liegt es auch an uns allen, die das bunte Treiben nach ihrer jeweiligen Fasson unterstützen, diesen Weg mitzugestalten:
Gemeinsam. Mit klarem Kopf, glühendem Herz und fester Überzeugung. So, dass auch unsere Jüngsten – nicht nur im Bus, auf dem Weg zum Sportunterricht – jeden Zweifler wissen lassen:
Ich bin ein stolzes Kleeblatt.

Gemeinsam nur nach vorne.

 

Zank.

Die Hektik der wochentäglichen Spieltermine im Rahmen der sogenannten englischen Woche legt sich allmählich, das Kleeblatt hat nach drei Spielen innerhalb einer Woche nun zehn Tage Verschnaufpause. Eine willkommene Gelegenheit, um einen längst überfälligen Blick in den Rückspiegel zu werfen.


Es läuft gerade die Mitte der zweiten Halbzeit auf dem Ronhofer Rasen vor dem im Verhältnis zur Restkulisse mittlerweile mächtig wirkenden Betonbunker Haupttribüne. Ein niederklassiges, weil zähes Ringen gegen – ganz besonders aber mit – dem Ball prägt das Geschehen. Ausgehend vom Stimmungszentrum der Nordtribüne verselbstständigt sich der erste Gesang gegen den Verein der verbotenen Stadt. Unweigerlich kommt einem der Gedanke in den Sinn, gerade Zeuge der verbalen weißen Flagge zu werden, schien das Interesse an der anscheinend kurzerhand als verloren erklärten Partie doch rapide zu sinken. Auf dem Feld steht es zu diesem Zeitpunkt übrigens uneinholbar 0:1. Für die Würzburger Kickers.

„Derby“.

Genau die Würzburger Kickers, die das anstehende Aufeinandertreffen mit der Spielvereinigung im emotionalen Überschwang der ersten gewonnenen Zweitligapunkte forsch als „Frankenderby“ ausriefen. Schwer zu beurteilen, ob mein Empfinden in dieser Sache Einzelkämpferstatus genießt, aber dennoch sei gesagt: Ich finde das schon bemerkenswert dreist, wenn man sich als Liganeuling ohne vorzeigenswerte Vergangenheit in den oberen Spielklassen im Schein eines derartig historischen Duells sonnen möchte. Man bedenke, dass das Kleeblatt zu diesem Zeitpunkt bereits 260 Mal die Klingen mit der Nachbarstadt kreuzte, während gerade das erste Aufeinandertreffen mit den Unterfranken in der eingleisigen zweiten Liga anstand. Natürlich muss auch Würzburg einen Weg finden, sich zu verkaufen. Sich zwischen der fränkischen, Würzburg gegenüber ziemlich gleichgültig eingestellten Konkurrenz, zu positionieren, um den sportlichen Aufwärtstrend auch mit entsprechenden Zuschauerzahlen untermauern zu können. Und der Begriff „Derby“ klingt trotz des gefühlt wöchentlichen medialen Durchnudelns wohl noch immer attraktiver als „Nachbarschaftsduell“ oder vergleichbare, inhaltlich treffendere Auszeichnungen. Trotzdem erscheint mir das eigenmächtige Erheben eines Spiels in ein konstruiertes Rivalitätsgefüge eine respektlose Angelegenheit zu sein, die mindestens Fingerspitzengefühl vermissen lässt und für mein persönliches Verständnis kurz vor dem Prädikat Frechheit einzuordnen ist.

Niederlage. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Niederlage. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Das Spiel steht kurz vor dem Ende, die Kickers erhöhen nochmals ihren Vorsprung. Spätestens in diesen Momenten werden selbst die kühnsten Optimisten erkannt haben, dass die an diesem Abend überdurchschnittlich unerfahrene Fürther Mannschaft dem Darmstadt-esquen Defensivriegel nichts Gewinnbringendes beizusetzen hatte. Bekannt klingende Rufe, ausgehend von der Gegenseite, erreichen die Nordtribüne: „Derbysieger, Derbysieger – hey, hey!“. – Wo die Gegenseite ihr virtuelles Derby soeben für beendet erklärt zu haben schien, ging auf weiß-grüner Seite eben dieses erst los. Das unglückliche und bisweilen fahrige Spiel, die Niederlage und die feiernden Gäste traten noch vor dem Schlusspfiff in den Hintergrund. Die Vorsängeransagen an den Stimmungskern sowie das angestimmte Liedgut richteten den Fokus der Anhängerschaft nun endgültig, unmissverständlich auf den Dienstagabend.

Derby.

Fast Forward. Das nunmehr zurückliegende Frankenderby wird sich nicht in meine Topliste der emotionalsten Derbys einsortieren lassen. Über die Gründe kann ich abschließend nur spekulieren, meine aber doch eine Mischung verschiedener Faktor ausmachen zu können:
Ein Faktor ist unbestreitbar die Anstoßzeit. Das zweite Auswärtsderby in Serie, das an einem Wochentag um rund 18 Uhr angepfiffen wird. Eine Ansetzungsserie, die sicherlich so nicht mehr ganz dem Zufall geschuldet ist. Man muss wohl hinlänglich von einem tiefgreifenden Vorsatz ausgehen, schließlich wurde vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Terminierungsprämisse „Kein Derby im Dunkeln“ von Seiten der Planungshoheiten öffentlich kommuniziert. Wo in der letzten Saison bereits alles andere als Freude angesichts der stressigen Anreise aufkam, musste man hinsichtlich Berufsverkehrs und Einlasskontrollen erneut Schlimmstes befürchten. Ein Aufschub der Anstoßzeit, da waren sich viele anreisende Fürther einig, war nur Formsache. Als sehr gut organisierte Anreisealternative, im Gegensatz zum alljährlichen Spießroutenlauf rund um die U-Bahn Fahrt, erwies sich der Buskonvoi. Entspannt und ohne große Verzögerungen schlich dieser im weiten Bogen um den Nürnberger Norden, fernab von herrschaftssüchtigen USK-Schlägern in RoboCop-Verkleidungen. Ein Lob gebührt den Horidos für Idee und Umsetzung, das darf man gerne in Zukunft wieder so machen – vorausgesetzt das Tabellenbild nimmt noch andere Gestalt an und beide beteiligten Seiten halten die Klasse.
Eines weiteren Faktors der emotionalen Handbremse bin ich mir relativ sicher: Auch der sportliche Reiz hat sich wohl über den Verlauf der letzten Jahre die Hörner abgestoßen. Das Pokalderby, in der Hauptrolle ein gewisser Eddy Prib, war angesichts der symbolischen mittelfränkischen Machtübernahme nach vielen Jahren strikt getrennter Ligazugehörigkeiten sowie angesichts des K.O.-Spiel Charakters von einer zum heutigen Zustand unvergleichbaren sportlichen Tragweite. Heute trifft man sich zumeist irgendwo in der goldenen Mitte der Tabelle mit tendenziellen Ausreißern in beide Extreme. Ein Derbysieg ist noch immer ein Prestigeerfolg, dem aktuell jedoch die übergeordnete sportliche Konsequenz fehlt. Drei Punkte und diese erfreuliche Deutungshoheit in Schule, Uni oder Büro – mehr gibt es auch für einen Derbysieg nicht. Angesichts der letzten Ergebnisse müsste man an dieser Stelle eigentlich hinzufügen: leider.

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Derbysieger. (Quelle: spvgg-fuerth.com © Sportfoto Zink)

Das Spiel hat standesgemäß wohl ein jedes Kleeblatt verfolgt. Oder zumindest nachgeholt. Deswegen zum eigentlichen Spiel nur wenige Worte. – Eine erneut sehr junge Mannschaft lässt keinen Zweifel an ihrem Vorhaben, den Derbysieg einfahren zu wollen. Das Einschwören, der Schulterschluss am Zaun der Nordtribüne im Anschluss des Würzburg-Spiels schien gefruchtet zu haben. Formulierungen wie „gallisches Dorf“, „großes Nürnberg“ und Apelle an den Zusammenhalt sind auf der einen Seite natürlich stets mit einer gehörigen Portion Pathos angereichert, vermitteln aber in wenigen einfachen Worten das wesentliche Credo: „Ihr für uns, wir für euch. Gebt alles und wir werden gewinnen“. Im Hinterkopf war bei vielen Spielern sicher auch noch die Verabschiedung nach dem vorangegangenen Auswärtsderby, als die Mannschaft aufgrund ihres Einsatzes trotz schmerzlicher Niederlage mit aufmunterndem Applaus verabschiedet wurde. Der Club schien an diesem Abend zwar die, besonders in der Anfangsphase, etwas zwingender auftretende Mannschaft zu sein, strahlte im gleichen Augenblick jedoch auch eine größere Angst vor Fehlern aus. Das Kleeblatt konnte nicht vollends kaschieren, dass wichtige Korsettstangen im Personalgefüge der ersten Elf aktuell ausfallen, hatte schlussendlich aber folgerichtig das Glück der Tüchtigen auf seiner Seite. Und schon wieder Derbysieger, Kleeblatt Fürth!

Schall und Rauch

Traditionsgemäß richtete sich der Fokus auch wieder auf die Ränge des rotbestuhlten Achtecks in Langwasser. Die Einigung der beiden beteiligten Vereine, Choreografien für die jeweiligen Auswärtsfangruppen aufgrund verschiedener Verfehlungen zu verbieten, beschränkte sich auf die abgelaufene Saison. Somit war für beide Seiten in kreativer Hinsicht Tür und Tor geöffnet. Die Nürnberger Nordkurve griff wenig überraschend erneut auf eine Choreo zurück, die sich eines Zitats aus den Kulturgütern Film oder Musik bediente. Die Wahl fiel auf Werner Herzogs Abenteuerstreifen Aguirre, der Zorn Gottes, der die lange Serie der selbstverherrlichenden Botschaften würdig fortzusetzen vermochte. Einmal mehr keinerlei Bezug zum Verein, keinerlei Bezug zur Stadt oder der Historie des Derbys zu erkennen. Die übersetzte Message des Gesamtensembles beschränkte sich dem Gesetz der Serie folgend auf die Kernaussage: „Schaut her, wir haben die dicksten Eier überhaupt“. Ich kann nichts damit anfangen und finde nicht, dass sich eine Fangruppierung – unabhängig davon mit welcher Einstellung, Ambition oder welchem Selbstbild diese ausgestattet ist – über das Spiel und dessen Kontext erheben sollte. – Andererseits gäbe es wohl kaum eine öffentlich bekannte Person, die in ihren hervorstechenden Eigenschaften die Nürnberger Ultras besser zusammenfassend beschreiben könnte, als Klaus Kinski. Doch das nur am Rande.
Auf Seiten der Spielvereinigung wird die gewählte Form der Choreographie naturgemäß durch den Einsatz des Rauchs ähnlich kontrovers diskutiert. Vorweg: Ich kann beide Seiten der Diskussion nachvollziehen und beide Positionen haben ihre Daseinsberechtigung. Die inhaltliche Verbindung zwischen der Aussage der Spruchbänder und dem abwechselnd angeordneten Rauch, der sich dann zu einem chaotischen, unkontrollierten (vgl. „eskalieren wenn sich eines mit dem anderen vereint“ als Teil des Spruchbandes) Gemisch verband, wusste konzeptionell wie auch optisch zu überzeugen. Zudem setzte es die Aussage des letzten Auswärtsderbys fort, in dem das Spruchband „Ultra‘ bleibt selbstbestimmt“ als Antwort auf die Choreoverbote präsentiert wurde. So die Nachbarn, wie es vorauszusetzen ist, in ihrem Auswärtsderby ebenfalls nicht auf den Einsatz von Rauch und/oder Fackeln verzichten werden, habe ich einen – wohl nur schwachen – Trost für die Contra-Pyro-Seite: Es wird danach wieder für mindestens eine Saison keine erlaubten Choreografien im Rahmen des mittelfränkischen Prestigeduells geben, die die Sicht auf das Spielfeld oder die Taler in der Vereinskasse einschränken könnten. Man darf gespannt sein, ob sich dieser Wechsel nun im Saisonrhythmus manifestieren wird.

Verzweiflung. (Quelle: nordbayern.de © Sportfoto Zink / DaMa)

Verzweiflung. (Quelle: nordbayern.de © Sportfoto Zink / DaMa)

 

„Däi Färrder ham gwunna, der Glubb hat verlor’n!“. Wer hin und wieder bei einem Derby im Block steht oder zumindest regelmäßig im Nachgang seine Facebook-Videos durchforstet, wird an diesem Gesang nicht vorbeigekommen sein. „Nürnberg give it up“ nach der Melodie von KC & The Sunshine Band ist das vielleicht aktuellste Beispiel ohrwurmverdächtiger Derbyhits. Und dann wäre da natürlich auch noch der all-time favorite, der mit fünf Städten beginnt, deren örtliche Ultragruppen eine Allianz mit den Sonnenanbetern der Roten pflegen. Bis zum heutigen Tag wird von unserer Seite gerne über die AntiFÜ-Kampagne des Rivalen – oder um im Ton zu bleiben: Der Ziggareddenbürschlä – hergezogen. Vor vielen Jahren gab es auswärts in Nürnberg ein Spruchband, auf dem sinngemäß stand, dass aufgrund dieses allgegenwärtigen Aufdruckes immer „ein bisschen FÜ“ ihren Weg begleitet. Dieses Spruchband kommt mir zuletzt vermehrt in den Sinn. Vielleicht wird bereits klar, worauf ich hinaus möchte, welches tendenzielle Muster erkennbar wird: Ich beobachte auf unserer Seite eine latente Entwicklung zur Anti-Haltung gegenüber des Rivalen, die die Pro-Beziehung zum eigenen Verein langsam in den Schatten zu stellen scheint und unserer Seite in meinen Augen allmählich die Legitimation raubt, die AntiFÜ-Kampange noch länger auf dem Standpunkt einer vermeintlichen moralischen Überlegung zu belächeln. Bevor die ersten relativierenden Einwände kommen: Natürlich bleibt ein Derby ein Derby. Soll heißen, dass ein Kuschelkurs fehl am Platz wäre. Alleine aufgrund der diversen Vorgeschichten wäre das schon unangebracht. Bei einer historisch gewachsenen Rivalität gehören Provokationen und Zank zu den ungeschriebenen Regeln. Die Frage für mich ist nur: In welchem Maß bleibt man dabei, in welchem Rahmen möchte man sich bewegen? Definieren wir uns wirklich zu einem solch gewichtigen Teil über Antiphatie gegenüber Dritten und stellen uns damit schlussendlich mittelfristig auf die gleiche Stufe der Nachbarn? Oder sind wir nicht viel mehr stolz auf unseren Verein, der unser Leben als wesentlichen Fixpunkt begleitet, und all das, was wir gemeinsam erreicht haben und hoffentlich in Zukunft noch erreichen werden?
Die große predigende Moralkeule zu schwingen, wäre unangebracht, da es wie bei vielen aktuellen Themen im Fußballkosmos (man denke an dieser Stelle kurz an das dauerpräsente Thema um den nervigen Neu-Bundesligisten RBL) kein definiertes Richtig oder Falsch gibt. Eine Prise Sensibilisierung für die Thematik ist wenngleich aber wohl auch nicht der schlechteste Begleiter auf dem Weg zu weiteren mittel(!)fränkischen Fußballfehden. Schließlich sind wir die Spielvereinigung Fürth, nicht die Spielvereinigung Nicht-Nürnberg. Ihr wisst doch: Nur damit es jeder weiß.
Vielleicht orientieren wir uns in Zukunft ja ein wenig am Würzburger Auftreten und singen ein „Derbysieger, Derbysieger – hey, hey!“ mehr. Neuerdings besteht ja wieder jegliche Berechtigung, diesen Titel voller Stolz zu tragen.

 

Immer an deiner Seite.

 

Retoure.

Transfergerüchte sind erwiesenermaßen ja ein Stück weit der Kleister des alljährlichen Sommerlochs, der abseits von internationalen Fußballgroßturnieren die Spielzeiten des Vereinsfußballs miteinander verbindet. Über mehrere Monate werden die Schlagzeilen in den Sportteilen der internationalen Presseerzeugnisse von vermeintlich bevorstehenden Transfersensationen dominiert. Für Anhänger von betroffenen Vereinen können solche Meldungen vielerlei Wirkung besitzen. Geht der Lieblingsspieler? Muss man einmal mehr die halbe Mannschaft ersetzen? Kann man sich auf einen neuen Star in den eigenen Reihen freuen? Gespannt verfolgt man dann die Neuigkeiten, stellt seine eigene Kandidatenliste zusammen. So sehr ein Großteil der Anhänger in der Sommerpause vom Fußball abschalten möchte: Wenn es um die Personalplanung geht, nimmt man gerne jede Meldung mit. – Das Sammeln, Deuten und Diskutieren solcher Meldungen hat sich unter Fußballinteressierten zu einer derartig beliebten Disziplin entwickelt, dass sich bereits große Internetportale mit angeschlossenen Communities weitestgehend monothematisch damit beschäftigen. Nicht verwunderlich dürfte es daher erscheinen, dass vor dem Hintergrund eines solchen öffentlichen Fokusses auch reichlich kurios erscheinende Meldungen durch den Kanal rauschen. Profilierungszwänge, Sensationsdrang, Marktplatzierung einzelner Spieler durch die Berater – es gibt viele Ansätze, anhand derer man Fake-Meldungen erklären kann. Vermeintliche Insider wollen dann exklusive Informationen erhalten haben oder Fahrzeuge mit auffälligen Kennzeichen auf den Parkplätzen der Vereinsgelände erspäht haben.

Auch ich musste grinsen, als ich im Vereinsforum auf transfermarkt.de den folgenden Eintrag des Users greuther entdeckte:

„Hallo,

Habe heute erfahren das Sararer zurück an den Ronhof kommt meines Wissens nach Vertrag bis 2020. Wechsel wird diese Woche bekanntgegeben.“

„Ein Bekannter von mir hat einen Kiosk in der Innenstadt an dem Sararer früher oft war und gestern kam Sararer zu ihm und dann meinte Sararer das er endlich wieder nach Hause kommt“

Zunächst tut man das als Spinnerei eines Teenagers ab. Oder eines Clubfans, der die Rivalen ein wenig veräppeln möchte. Als eine Kaffeepause später dann jedoch die Vertragsauflösung Sararers mit seinem Arbeitgeber aus Düsseldorf bekannt wurde, änderte sich dieses Empfinden schnell. Die nüchterne Erkenntnis traf, mittlerweile aufgrund einer recht überzeugend wirkenden Nachricht des kickers nicht mehr sonderlich überraschend, am Mittag tags darauf ein:
Sercan Sararer trägt wieder das Kleeblatt auf der Brust, stand inklusive anschließender Verpflichtungsvermeldung beim Trainingsauftakt auf dem Rasen des Trainingsgeländes. Für mich ist (und bleibt) er ein Bestandteil des goldenen Jahrgangs der Fürther Jungs, die damals nahezu synchron den Gleichschritt aus dem Nachwuchs- in den Profibereich schafften, um auf dem Zenit ihrer Zeit bei der Spielvereinigung in die Bundesliga aufzusteigen. Sararer, Prib, Klaus. Man kennt die Namen. Nun könnte man hinlänglich vermuten, dass Sararer bis zum heutigen Tag der Teiltitel des Aufstiegshelden anhaftet und er ähnliches Ansehen genießt, wie es etwa auch bei Eddy Prib, natürlich auch begründet durch seinen goldenen Derbytreffer, bis heute der Fall ist. Fehlanzeige.

Allmächd!

Beim Durchblättern der Reaktionen in den verschiedenen Onlineforen rund um die Spielvereinigung hätte das vorfindbare Spektrum der Rückmeldungen kaum breiter gefächert ausfallen können. Die anfängliche Begeisterung hielt sich doch in Grenzen, wenngleich auch niemand Sararers fußballerische Qualitäten absprechen wollte. Trotzdem hat Sararer nicht erst seit seinem Abschied zum Ende der Bundesligasaison einen schweren Stand beim Publikum.  Man warf ihm Eigensinn vor, teilweise musste man den Eindruck gewinnen, dass sein Hauptaugenmerk nicht der Klassenerhalt war, sondern sich selbst ins Schaufenster zu dribbeln der Hauptintention entsprach. Seine offzielle Verabschiedung wurde von Pfiffen begleitet. Irgendwie schien das Tischtuch zum Publikum nur noch an wenigen seidenen Fäden zu hängen, die es von einem kompletten Schnitt bewahrten.

Möchte man allerdings den Transfer kritisieren, muss man sich konsequenterweise kurz vor Augen führen, welche Spieler der Verein im Moment zu verpflichten im Stande ist. In erster Linie, klar: Aufstrebende Talente, die die Spielvereinigung als Durchlauferhitzer auf dem Weg in höhere Ligen nutzen. Keine großartige Identifikation und Bindung zum Verein, aber Motivation sich selbst individuell zu entwickeln. Logisch – es ist nicht der Traum eines jungen Spielers einmal in Fürth zu spielen, leider. Dieses Los wird noch längere Zeit Schicksal unseres Kleeblatts bleiben. Auf der anderen Seite haben die vergangenen Jahre oft die Erkenntnis gefördert, dass es nur mit Jungen eben auch nicht geht. Und da kommen wir zum Punkt: Welche Routiniers soll ein kleiner Zweitligist verpflichten, die konstant und auf einem überdurchschnittlichem Niveau ihre Leistung bringen? Und zudem nicht von Konkurrenten verpflichtet werden, die mit signifikant praller gefülltem Portemonnaie shoppen gehen? Eigentlich können das nur Leute mit einer Delle im Karriereplan sein. Also Spieler, die länger verletzt waren. Die ihr Glück nicht fanden, vielleicht sogar in Ungnade gefallen sind. Die vielleicht Eigenarten besitzen, derer man sich nicht allerorts ausgesetzt sehen möchte. Die in einem ruhigen Umfeld wieder in die verlorene Spur finden möchte. – Sararer ist eben ein solcher Fall. Für mich steht fest: Kann die Spielvereinigung einen Spieler dieses sportlichen Kalibers verpflichten, muss man sich zwingend damit beschäftigen.

Vagabund

AbfllugDer Wechsel nach Stuttgart verlief für ihn kaum zufriedenstellend, auf wie auch neben dem Feld. In der öffentlichen Darstellung hinterließ er mehrfach einen überheblich-arroganten Eindruck, seine wenigen Einsätze konnte er im Cannstatter Chaosklub nicht nutzen. Eigentlich fällt er während seiner Zeit in den Schwabenmetropole nur mit einer Sache deutlich auf: Als ihm bei 280 Stundenkilometern der Geistesblitz kommt ein Foto des Tachos aufnehmen zu müssen und (hoffentlich erst) später auf Instagram zu teilen. Stevens schiebt seinen fehlmotivierten Hobby-Rennfahrer zur zweiten Mannschaft. Es folgt die Flucht an den Rhein, zu den alten Bekannten Azzouzi und Kramer. Am Ende steht dort eine Saison zu Buche, die gemessen am beinahe katastrophal schlechten Abschneiden der Fortuna erst ihren wahren Wert offenbart: Drei Tore und stattliche acht Assists. Wenngleich man anhand dieser Quote von einer tragenden Rolle Sararers in einer umstrukturierten Düsseldorfer Offensive in der kommenden Spielzeit ausgehen hätte können, wurde – für mich sehr überraschend – der Vertrag aufgelöst. Wenige Stunden später verdichten sich, wie gesagt, die Anzeichen: Für Sararer schließt sich der Kreis, Rückkehr zum Ausbildungsverein.

Einordnung

Nüchtern betrachtet macht die Verpflichtung aus Sicht des Vereins Sinn. Sararer zog vom beschaulichen Fürth hinaus in die schillernde Bundesligawelt, die Glamour, Geld und Ansehen in Aussicht stellte, sich am Ende aber als totaler Reinfall herausstellte. Es reift für Sararer und seine kleine Familie wohl nach einer Zeit des vagabundierenden Herumziehens die Erkenntnis, dass die alte Zeit in der Heimat, im Kreise von Jugendfreunden und Verwandten, doch wertvoller war, als man es damals zu schätzen wusste. Dass Geld nicht alles im Leben ist, Zufriedenheit im jugendlichen Enthusiasmus schnell unterschätzt wird. – Ja, ich gebe zu, dass das erstmal furchtbar schnulzig klingt. Und doch bin ich mir anhand seiner eigenen Aussagen ziemlich sicher, dass sich diese Einschätzung in eine zutreffende Richtung bewegt. Er weiß was er am Verein hat. Und irgendwo ist trotz der Vestimmungen rund um seinen Abgang noch immer so etwas wie Verbundenheit oder Dankbarkeit vorhanden – der bewusste Verzicht auf einen Torjubel bei seinem Treffer im Ronhof sprach da eine eindeutige Sprache. Eine Empathie, die ich Sararer im Vorfeld des Spiels wahrlich nicht zugeschrieben hätte.

Die fußballerischen Fähigkeiten müssen wir hier wohl nicht länger behandeln. Klar ist: Ist Sararer in Bestform, verstärkt er mit seiner Wucht und Schusskraft jeden Zweitligisten. Er ist in der Offensive auf mehreren Positionen einsetzbar und versprüht – positiv formuliert – eine Mentalität, die man in der zurückliegenden Saison stellenweise sehr vermisste. Ein Spieler der Kategorie, die mit ihren Einzelaktionen Partien entscheiden können. Entscheidend wird auch sein, dass Coach Ruthenbeck den richtigen Umgang findet. Sararer braucht gewisse Freiheiten, darf nicht in Kramersche Taktikfesseln gezwängt werden. Abschließend bewertet bewies Trainer Ruthenbeck mit der vergangenen Spielzeit beim Umgang mit Freigeistern wie Gjasula ein Händchen für deren schwierige Charaktere zu besitzen. Lenkt man Sararers südländischen Temperamentmix in die richtigen Bahnen, kann man sich sportlich uneingeschränkt auf ein geläutertes Eigengewächs freuen.
Natürlich ist auch das mahnende Negativbeispiel ohne große Mühe gefunden. Mit der deckungsgleich gelagerten Rückholaktion Schröcks griff der Verein schlussendlich kräftig ins Klo. Ein Cocktail aus altbekannter Verletzungsanfälligkeit, neugewonnenen Starallüren und ungewohnten Extrawürsten brachte diesem einen bezahlten Dauerurlaub inklusive angeschlossener Bewegungstherapie auf den heimischen Philippinen ein. Und somit das vorgezogene Karriereende. Sollte Sararer zunächst Startschwierigkeiten begegnen, werden die Kritiker dem Verein schnell vorwerfen erneut einen im Unterhalt nicht kostengünstigen Fehler begangen zu haben. Ein durchaus schmaler Grat, den die Verantwortlichen im Vorfeld aber mit Sicherheit in Betracht gezogen haben und in die Entscheidungsfindung mit einfließen ließen. Der umtriebig wie auch konsequent erscheinende Neu-Manager Yildirim macht auf mich nicht den Eindruck, dass er dieses Risiko übersehen oder unterschätzen könnte.

Eine Sache ist klar: Egal, wie man bei seiner Verabschiedung oder zu seiner Wiederverpflichtung stand – wie jeder andere Neue hat auch Sercan seine vorurteilsfreie und faire Chance verdient. Ich würde mir aus verschiedensten Gründen wünschen, dass Sercan sich im zweiten Anlauf in die Herzen der Anhängerschaft dribbeln kann. Dem Kioskbesitzer geht es da bestimmt ähnlich.

Gemeinsam nur nach vorne!

Sinnesart.

Auch wenn ich hier weder in steter Regelmäßigkeit noch in irgendeiner Weise Professionalität voraussetzend Texte veröffentliche, gehört zum Schreiben ja doch auch eine gewisse selbstauferlegte Routine. Zu einer solchen Routine gehört für mich das Lesen meiner letzten Veröffentlichung in diesem Blog. Einmal, vielleicht gelegentlich auch zweimal überfliege ich meine alten Zeilen. Manchmal um einen Ansatzpunkt zu finden und die damals verarbeiteten Gedanken in einer gewissen Form fortsetzen zu können. In der Regel allerdings, um mir das dem Text zugrundeliegende Stimmungsbild abermals vor Augen führen zu können. Dies getan, hallen mir meine Mitte April gewählten Schlussworte kräftig in den Ohren nach. Von „Ehrgeiz“ und „Bock“ berichtete ich da. Dass die Kleeblatt-Mannschaft endlich wieder Esprit versprüht, bei mir die zwischenzeitlich akut vermisste Laune auf den Schlussspurt wieder entfacht wurde. Kurzum lauter Begriffe, die nach Studium der zuletzt – zurückhaltend verpackt – enttäuschenden Darbietungen durchaus grotesk erscheinen mögen. Würde man nur die Spiele aus den zurückliegenden drei, vier Wochen heranziehen, käme einem der angesprochene Beitrag wohl wie eine Meldung aus einer Parallelwelt vor.

Es ist ja selbst für alte Fanhasen immer wieder aufs Neue erstaunlich, wie sich die Empfindung rund um den eigenen Verein innerhalb weniger Wochen in eine komplett entgegengesetzte Richtung drehen kann. Natürlich geht es bei solchen Wahrnehmungen nur in den wenigsten Fällen objektiv zu. Fan sein bedeutet einen stetigen Drahtseilakt zwischen ausgelebter Emotionalität und bemühter Rationalität. Für Abwägen bleibt keine Zeit, möchte man doch beim Fußball auch genau diese Emotionen ausleben, sich der den Alltag bestimmenden Ratio für eine Spieldauer bewusst entziehen. Die Aktualität, egal ob in beflügelnder oder enttäuschender Ausprägung, lässt gerne die Brille beschlagen, nimmt gerne den klaren Blick auf Dinge. Und doch bleibt über ein paar Wochen hinweg etwas Verfestigtes haften, über das auch der letztlich versöhnliche Abschluss gegen Sandhausen nicht komplett hinwegtäuschen konnte.

Und täglich grüßt der Ruthenbeck

 

Der Fokus meiner Beobachtungen liegt einmal mehr auf der in Fankreisen ubiquitären Trainer-Thematik. Wo ich vor einigen Wochen noch den Eindruck hatte, dass nicht nur auf dem Rasen ein Formanstieg zu verzeichnen war, sondern auch auf den Plastikstühlen vor der frischen Ronhofer Zahnlücke, muss ich diesen Eindruck zähneknirschend bereits wieder relativieren. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Ruthenbeck eine spürbare Mitschuld an der Niederlagenserie des Saisonendes trägt. Nun soll hier nicht auf jede vermeintliche Verfehlung bei den personellen Nominierungen und taktischen Konzepten eingegangen werden, wenngleich sich mit dem letzten Spiel gegen Sandhausen Reservisten so nachhaltig beweisen konnten, dass man ob des unantastbar wirkenden Stammplatzes der jeweiligen Konkurrenten verwundert zurückbleiben musste. Viel mehr geht es mir bei der Kritik am Trainer um eine höhere, abstraktere Ebene: Die Mentalität, als Folge daraus auch das konsequente Vorleben einer Ambition. – Rewind: Stefan Ruthenbeck gelang es, das Kleeblatt zu konsolidieren und das initiale, elementare Saisonziel einer „ungefährdeten Spielzeit“ insgesamt überzeugend zu erreichen – ein Vorhaben, das aufgrund des gebetsmühlenartigen Rezitierens auf allen medialen Ebenen bereits wie ein zwanghaft eingeredetes Mantra anmutete. Mit Erreichen der ominösen vierzig Punkte, und somit dem quasi sichernden Klassenerhalt, ging im Kader die Spannung in weiten Teilen sowie in rapider Geschwindigkeit über Bord. Es wurde seitens der sportlichen Verantwortlichkeit sowohl der richtige Zeitpunkt für eine Kurskorrektur, wie auch anschließend das Setzen neuer Anreize verpasst. Seit Beginn der Saison propagierte man die „40 Punkte sind für uns alles“-Prämisse, wollte Stabilität entwickeln und vorprogrammierten Enttäuschungen auf diesem Weg vorbauen. Trotz des Wissens mich in diesem Punkt zu wiederholen: Zunächst war das ein logisches, angesichts der Ausgangssituation nicht ungeschicktes Mittel. Auf der anderen Seite macht man sich unglaubwürdig, wenn man zu lange daran festhält, wo doch für jeden im Umfeld zu spüren war, dass man durchaus höhere Tabellenregionen hätte anpeilen können. Was dann folgte, waren Wochen des Wursteln. Auf Pressekonferenzen warf man unentschlossen wirkend mit leeren Worthülsen um sich. Man würde natürlich weiterhin „alles rein hauen“ und das „TV-Geld ist natürlich sehr wichtig für den Verein“. Phrasen, die die Klatschpappen einer Pressekonferenz darstellen: Macht ohne große Anstrengung ein bisschen Lärm, ist am Ende aber nur die Substitution eines erwünschten Eindruckes. Auf den schlaffen, satten Eindruck seiner Mannschaft erwiderte der Trainer dann, dass Profisportler „Motivationsmaschinen“ seien und ohnehin immer gewinnen wollten. Für mich stellte das ein offensichtliches Mismatch zum Geschehen auf dem Feld dar. Fraglich, ob der Trainer von seinen Aussagen überzeugt war, oder andere Absichten verfolgte. Der Mannschaft war jedenfalls anzumerken, dass der letzte Biss fehlte, die Konzentration zu wünschen übrig ließ. Es fehlte nicht an der grundsätzlichen Bereitschaft, aber an den viel zu oft vernachlässigten Feinheiten, die in dieser Liga nach 90 mehr oder weniger ausgeglichenen Minuten oft über Sieg oder Niederlage entscheiden. Sollte Ruthenbeck auch intern derartige Ansprachen halten, wundere ich mich nicht über die pomadigen Auftritte. Schlussendlich kann man sicher festhalten, dass die Äußerungen gegenüber der Öffentlichkeit zum wiederholten Mal einen faden Beigeschmack zurücklassen. Ruthenbecks Aussagen, bereits nach der Winterpause einmal Thema, stellen mir zu oft einen PR-Spießroutenlauf zwischen geschicktem Kalkül und unüberlegten Äußerungen dar.

Coach. (Quelle: nordbayern.de)

Unglaube. (Quelle: nordbayern.de)

Motivation ungleich Mentalität

 

Im Vereinsforum auf transfermarkt.de habe ich ein treffendes Zitat, gepostet von Darts_Fan_15, gefunden:

„It is better to fail aiming high than to succeed aiming low.“
(Bill Nicholson)

Darin sehe ich meine Kritik gut getroffen. Man hätte mehr erreichen können, hätte man die damit verbundene Ambition deutlicher gegenüber Mannschaft und Umfeld vorgelebt. Es war nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit klar, dass man den Klassenerhalt und die darin enthaltene Zielstellung ohne größere Schwierigkeiten erreichen wird. Hätte man den Kurs offensiver kommuniziert und als neue Zielstellung einen Angriff auf die Verfolgerränge 4-6 ausgerufen, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit die Spannung nicht so apodiktisch in den Keller gerauscht. Ja, natürlich hätten Spieler auch dann mit anderen Vereinen verhandelt und man hätte auch in dieser Phase Spiele haben können, die aus den verschiedensten Grünen in den Sand gesetzt worden wären. Aber was hätte man denn verloren? Eine solche Kurskorrektur hätte das ursprüngliche Ziel impliziert – und darüber hinaus eine Ambition untermauert, die dem Potential der Mannschaft gerecht geworden wäre, dieses eventuell auch noch stärker herausgekitzelt hätte. So bleibt für mich unter dem Strich eine Saison, die einerseits erfreulich sorglos verlief, andererseits aber ein Ergebnis ausweist, das das isolierte Ziel erreichen, aber dessen ungeachtet als nur bestenfalls unterschwellig befriedigend empfunden werden konnte.

Inwieweit der Vorwurf einer Mitschuld des Übungsleiter gerechtfertigt ist, kann man als Außenstehender selbstredend nur abschätzen. Der Trainer hat sportlichen Gesichtspunkten folgend einen sehr beachtlichen Job abgeliefert, der dem Vernehmen nach auch eine Etage höher Anerkennung fand. Die Grundlagen – ich glaube nicht, dass wir schon wesentlich weiter sind – seiner Spielphilosophie funktionieren, es wird eine klare Handschrift, eine eigene Spielidee verfolgt, die sich doch vom größeren Teil des ligainternen Einheitsbrei abhebt. Einzig die Defensive weist weiterhin deutliche Mängel auf und dürfte für den Sommer neben der Standardschwäche die größte Baustelle darstellen. Darüber hinaus müssen dominante Leistungen konsequent über die gesamte Dauer eines Spiels abgerufen werden können, um die nächste Lernzielkontrolle zu bestehen. Zu oft konnte man nur eine Hälfte einer Partie bestimmen und verlor anschließend jegliche Kontrolle über das Spiel. – Festhalten sollte man bei aller Kritik an den Aussagen des Trainers aber fairerweise ebenfalls, dass die Mannschaft bezüglich des Vorwurfs mangelnder Charakterstärke kein unbeschriebenes Blatt ist. Ohne Mühe könnte man aus dem Stegreif mindestens ein halbes Dutzend blutleere Darbietungen innerhalb eines Zeitraums von knapp zwei Jahren aufzählen. Unter drei verschiedenen Trainer wohlgemerkt! Bezeichnend ist dabei, dass die neuerliche Negativserie Gegner beteiligte, die allesamt nominell hinter dem Kleeblatt einzusortieren wären. Bielefeld – Kaiserslautern – Heidenheim. Alle haben nicht gegen die Spielvereinigung gewonnen, weil sie berauschenden, reiferen Fußball spielten. Nein – sie wollten mehr. Und auch in diesem Zusammenhang betritt man kein Neuland, auch das wurde bereits mehrfach in dieser Saison angeprangert. Was es umso schwerer erträglich macht, denn nichts ärgert mich persönlich mehr, als verschenktes Potential. Den Reaktionen der Zuschauer folgend, gehe ich dabei nicht von einem Einzelfall aus. Marco Caligiuri fand mit Blick auf das letzte Saisonspiel gegen Sandhausen eine recht passende Formulierung: „Man muss den inneren Schweinehund überwinden“, wenn man erfolgreich sein wolle. Und genau daran scheitert es zu oft – der Bereitschaft die letzten Schritte zu machen, den letzten Biss an den Tag zu legen. Das Spiel zu gewinnen. Für mich ist das eine Charakterfrage. Wenn Ruthenbeck davon redet, dass ein Spieler immer motiviert ist, mag er damit recht haben. Aber Motivation ist nicht mit Mentalität gleichzusetzen. Mentalität ist etwas, was man nicht mit dem Standardprogramm abspulen kann. Mentalität entsteht durch die Gier nach Erfolgen – und genau an diesen Punkt muss man wieder kommen. Und das geht auch über das Formulieren ambitionierter Zielstellungen.

Und jetzt?

 

Wesentlich beeinflussen wird die Formulierung dieser Zielstellung nicht zuletzt auch der Verlauf der Sommerpause. Als Anhänger darf man nur inständig hoffen, dass möglichst wenige der Leistungsträger dem Festgeldkonto zum Opfer fallen und sämtliche Finanzierungskonzepte der Ronhof-Renovierung keine Transfererlöse mehr erfordern. Der Trainer, da sind wir wieder beim angesprochenen Kalkül, baut bereits bevor die Sommerpause richtig begonnen hat Druck auf, indem er seine persönliche Zukunft beim Kleeblatt vom Verbleib seiner Leistungsträger abhängig macht. Absolut verständlicher und nachvollziehbarer Hintergedanke, wenngleich der Grat zur Erpressung da kein breiter ist. Wie völlig richtig diskutiert wurde, scheint sich Ruthenbeck seine handzahmen Vorgänger als abschreckendes Vorbild herangezogen zu haben. Fakt ist allerdings auch – hätte seine Mannschaft nicht eine Reihe von Partien weitestgehend aus eigenen Stücken und völlig unnötig hergeschenkt, wäre mit zwei, drei Tabellenplätzen weiter nördlich auch die finanzielle Situation gelinderter. Vieles wird von den Entscheidungen um das Dreieck Stiepermann, Berisha, Zulj abhängen. Eigentlich darf man nicht mehr als einen Spieler aus dieser Gruppe veräußern beziehungsweise ablösefrei verlieren. Allerdings relativiert sich diese Aussage natürgemäß beim Betrachten der einjährigen Restlaufzeit Zuljs oder einem potentiell hochlukrativen Angebot der finanzstarken Bundesliga Riege für den Spieler im Kader, der am ehesten den sperrigen Titel Motivationsmaschine verdient: Veton Berisha. Es muss einem klar sein, dass die Spielvereinigung bei jedem Spieler eine Schmerzgrenze hat. Nachteile bei der Infrastruktur, Sponsorensituation und den Zuschauerzahlen können am ertragreichsten über diese Methode kompensiert werden. Möchte man in Zeiten der Startup-Vereine keinen Boden verlieren, möchte man weiterhin zu den grob 28 besten Vereinen Deutschlands gehören, darf man solche Einnahmen nicht komplett ausschließen. Oder man muss das Pokerspiel gewinnen.

Ende. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Ende. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Nun soll dieser Text am Ende aber auch nicht undankbar erscheinen. Es war eine Saison, die im Querschnitt von großen Momenten und bitteren Enttäuschungen begleitet war. Es war keine schlechte Saison, es war keine richtig gute Saison. Trotzdem hatte ich häufig Spaß – und bei all dem Ärger, der zwischenzeitlich aufgebrandet sein mag, habe ich doch bei jedem darauffolgenden Spiel wieder aufs Neue mit Stolz mein Kleeblatt auf der Brust getragen. So froh man ist, dass die Ziellinie final überschritten wurde, freut man sich angesichts der langen fußballlosen Zeit (wehe es kommt mir jemand mit diesem unsäglichen Party-Schlandalismus an!) doch bereits jetzt wieder latent auf die neue Saison, den erneuten Vergleich und die wertvollen, intensiven Momente, die man mit seinen Freunden teilen kann. – Das gesunde Verhältnis aus Demut und Ambition kommt zum melancholischen Schluss ingleichen nicht zu kurz, erscheint einem die Diskussion um einstellige Tabellenplätze vor dem Hintergrund eines durchgestandenen Abstiegskampfes dann doch wieder nicht mehr ganz so prätentiös. Man bedenke: Andernorts steigen Vereine in eine möglicherweise auf viele Jahre gesehen sportliche Bedeutungslosigkeit ab, inklusive Existenzangst und anderen unangenehmen Begleiterscheinungen. Ja, bei der Bewertung der nun vergangenen Saison darf man die Horrorspielzeit noch einmal als Vergleichswert heranziehen, ab nächster Spielzeit darf das nicht mehr der mahnende Zeigefinger sein. Dann übernimmt wieder die Ambition als kleiner Verein ordentlich zu rocken. Das darf dann auch sehr gerne wieder so vorgelebt werden.

Du bist der Sinn. –
Gemeinsam nur nach vorne!

Trend.

Im Anschluss an das verlorene Derby wurde Stefan Ruthenbeck nicht müde zu betonen, dass hier gerade etwas zusammenwachsen würde. Gemeint ist damit nicht nur die Entente zwischen den Spielern, sondern viel mehr die gewachsene Koalition zwischen den Protagonisten und den Anhängern des Vereins. Als initialen Anlass nahm er dabei die hier bereits angesprochene, in der Außenwahrnehmung wohl als ungewöhnlich enthusiastisch empfundene Verabschiedung der Mannschaft nach der schmerzlichen Niederlage im Prestigeduell gegen die nervtötenden Nachbarn. Das Verhältnis zwischen der bisweilen lustlos wirkenden Mannschaf und dem kritisch auftretenden Publikum war durch einige kleinere Vorfälle strapaziert. Und auch der immer wieder latent durchscheinende Verdruss der vorangegangenen Saison trug seinen Teil multiplikativ zu diesem Umstand bei. Auf beiden Seiten herrschte ein nicht zu übersehendes Defizit im Verständnis für die Gegenseite. Einem gepfefferten Streit ähnelnd schiebt man sich den schwarzen Peter gegenseitig zu. „Die anderen sind die Bösen, das ist überhaupt nicht fair“ – so in etwa. Der Trainer schien sich für meinen Geschmack zunächst im Mühen das Positive der Derbyniederlage herauszustellen etwas zu sehr an diesen fast so eilig, wie auch dankend herbeigezogenen Strohhalm zu klammern. Es erschien wie eine Ausflucht auf einen Nebenkriegsschauplatz, um in alter Medienprofi Manier auf Gedei und Verderb etwas Positives aus der Situation ziehen zu können, um den unangenehmen Fragen nach etwaigen Versäumnissen aus dem Weg gehen zu können. Heute muss man festhalten: Diese Einschätzung taugt mittlerweile nicht mehr nur als gut gemeinter Gedankenansatz, sondern stellt doch einen erfreulichen Trend dar. Besonders das Spiel gegen Freiburg war da wieder ein deutliches Zeichen, wurde die Mannschaft doch im Anschluss von den Anhängern auf den Tribünen ob ihres für arge Konditionsnöte sorgenden Kampfgeistes mit donnerndem Applaus verabschiedet. Marco Stiepermann, der ja laut Trainer nach dem inoffiziellen Rückrundenauftakt gegen Sankt Pauli ebenfalls aufgrund der aufgebrachten Zuschauerreaktionen geknickt in der Kabine gesessen haben soll, drehte sich auf halbem Weg in Richtung Green Gate Bridge noch einmal um und erhob beide Daumen als Reaktion auf die lautstarken Gesänge vom Stimmungsepizentrum der Nordtribüne ausgehend. Ja, ich muss zugeben mich an diesem Abend, in diesen Momenten, wieder verstärkt an die vielen tollen Momente der Aufstiegssaison zurückerinnert gefühlt zu haben, in der keine schmierige Boulevardzeitung zwischen die aufopferungsvoll Fightenden auf dem Feld und die stolzen Kleeblätter auf der Tribüne passte. Es ist dieses Wir-Gefühl, das langsam wieder Einzug zu halten scheint. Ein Empfinden, das Verein und Umfeld damals aus seinem narkotischen Dornröschenschlaf erweckte. Wider der bis heute anhaltenden Meinung war für das Aufleben dieses Empfindens nicht nur die Person Mike Büskens verantwortlich – viel mehr war es eine Kettenreaktion der allgemeinen Zufriedenheit mit dem Moment. Plötzlich fanden sich, angestachelt von einem ungeahnten Selbstverständnis, werktags ein paar tausend Kleeblätter in der baden-württembergischen Provinz ein, um zwischen angepflanzten Feldern und der Autobahn einen Bundesligisten aus dem Pokal zu räumen. War ja doch ganz nett damals, oder? Ob es soetwas wieder geben kann, weiß ich nicht. Es würde sich wahrscheinlich jeder, der der Spielvereinigung ideologisch oder emotional nahesteht, wünschen. Aber – taugt denn der vorherrschende Status Quo überhaupt als verlässliches Fundament für derartige Traumschlösser?

Was bei einer Aufarbeitung der vergangenen Spiele – und damit gleichzeitig seit meiner letzten Wortmeldung in dieser Postille – festzuhalten bleibt, ist eine offensichtliche Entwicklung der eigenen Spielanlage über den Verlauf der Rückrunde. Man muss das gegenwärtige Auftreten nur mit den entsprechenden Partien der Vorrunde vergleichen. Eine kurze Rückblende: Gegen den Verein für Leibesübungen aus Bochum und den Sportclub Freiburg setzte es back-to-back zwei Niederlagen mit jeweils fünf Gegentoren und einer kollektiven Darbietung, die dem derben Eindruck des blanken Ergebnisses nicht zu widersprechen vermochte. In der Rückrunde steht hier nüchtern betrachtet zwar auch nur die minimale Verbesserung von einem einzelnen Punkt aus den beiden Spielen unter dem Strich, aber das Auftreten war ein komplett anderes. Mit dieser These übertreibt man wohl nicht. Bochum hatte man auswärts sehr lange am Rand einer Niederlage, musste sich am Ende aber mit dem ebenso unglücklichen wie auch verdienten Last-Minute Ausgleich anfreunden. Im Heimspiel gegen die Studentenstadt wäre mindestens ein Punkt allenfalls verdient gewesen, da man es besonders in der zweiten Halbzeit verstand das Freiburger Pressing komplett obsolet erscheinen zu lassen und dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen konnte. Der frühe Gegentreffer durch Niederlechner sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. In der Hinrunde wäre die Mannschaft danach in komplett verunsicherte Komponenten zerfallen, hätte sich zwangsläufig auf Versagensangst zurückführend ihrem Schicksal geschlagen geben müssen. Das passiert heute nicht mehr. Die stark schwankende Stabilität, die der Mannschaft wiederholt attestiert wurde, hat sich durchaus zum Positiven entwickelt. Sie ist noch nicht unerschütterlich, nicht immer im gleichen Maße von Dominanz unterstützt, aber der klare Fortschritt wird ersichtlich. Man kann auch den starken Gegnern dieser Liga Probleme bereiten, man kann diesen Mannschaften unter gewissen Umständen zumindest über längere Strecken das eigene Spiel aufzwingen. Man ist jederzeit in der Lage ein Tor zu erzielen. Leider auf der anderen Seite auch jederzeit für ein Geschenk hinten gut. Aber sei es drum – die Entwicklung wird deutlich. Das Fürther Spiel erscheint variabler, man ist aus der offensiven Grundausrichtung heraus in der Lage unter Einsatz verschiedener taktischer Vorsätze in der angestammten Grundordnung auf veränderte Gegebenheiten zu reagieren.

Neben der Mannschaft scheint auch der Trainer seine persönliche Formkrise, manifestiert durch ein paar mittelgroße Ungeschicktheiten während des Pressediktats, überwunden zu haben und wieder den von mir sehr geschätzten, klar analytischen Blick für die Situation zurückgewonnen zu haben, mit dem er bereits zu seiner Einstiegszeit überzeugte. Wenn Christian Streich, für mich fachlich der absolute Toptrainer der aktuellen zweiten Liga, in höchsten Tönen der Selbstkritik versinkt und sich zwischen den Zeilen beinahe für den Sieg seiner Mannschaft entschuldigt, spricht das doch eine klare Sprache über die Arbeit des Fürther Fußballlehrers. Ruthenbeck und seine Idee Fußball zu spielen haben etwas Anlauf gebraucht. Einerseits um diese Spielidee zu entwickeln, andererseits um einem Großteil des Kaders wieder das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Ist der Trainer sein eingangs seiner Amtszeit formuliertes Ziel eine Mannschaft entwickeln zu wollen weiterhin so akribisch und konsequent zu verfolgen bereit, sehe ich äußerst gespannt in die Zukunft. Hängt Ruthenbeck an seinem angefangenen Werk und widersteht den Lockrufen der Bundesligasirenen, steht man erst am Anfang des Weges.

Wille. (Quelle: nordbayern.de)

Ehrgeiz. (Quelle: nordbayern.de)

Der Auswärtssieg in München hat die ominöse 40-Punkte-Marke geknackt, gleichbedeutend mit dem rechnerisch so gut wie unumstößlichen Klassenerhalt. Erfreulich früh und in Retrospektive mit relativ wenigen Problemen erreicht – und auch Verdienst der Arbeit Ruthenbecks. Das war nach der zurückliegenden Pannensaison in dieser Ausprägung nicht zu erwarten. Oder sagen wir es zumindest so: nicht vorauszusetzen. Es war sicher öfters mal eine Portion Sand im Getriebe, aber es war gut genug, um eine Reihe von Konkurrenten auf die Plätze verweisen zu können. Man darf nicht außer Acht lassen, dass in dieser Spielzeit wohl ohne die tiefe Beule im letzten Drittel der Vorrunde auch ein größerer Wurf möglich gewesen wäre. Ob dieser für die Entwicklung der Mannschaft wirklich zielführend gewesen wäre, wage ich jedoch stark zu bezweifeln. Bei der zurückhaltenden Formulierung des Saisonziels hat man seitens der sportlichen Leitung wohl ähnliche Hintergedanken im Schilde geführt, ist der Kader qualitativ potentiell doch ein paar Plätze weiter oben anzusiedeln. – Für die restlichen Spiele geht es nun darum, unter Wettkampfbedingungen einen Vorgriff auf die kommende Saison zu leisten. Im Optimalfall klettert man dabei in der Tabelle noch die eine oder andere Position, möchte man doch nach den monetären Ausfällen im Vorjahr wieder ein etwas größeres Stück der Solidaritätstorte ergattern. Es wird auch darum gehen wegweisende Personalentscheidungen zu planen. Spieler, die auf der Kippe stehen, sollten neben den talentierten Jugendspielern Chancen bekommen, so sie sich im Training für eine solche empfehlen. Mit der gewonnenen Planungssicherheit muss eine Achse der Leistungsträger gehalten werden, um das notwendige Gerüst für den nächsten Entwicklungsschritt garantieren zu können. Nachdem in der Abwehr bereits der Kapitän und Spitzenverteidiger Caligiuri verlängert hat, wäre der logisch nächste Schritt das Arbeitspapier Stiepermanns zu verlängern. Das Ziel muss es sein, eine Achse bilden zu können, die aus Leistungsträgern mit Führungsspielerqualitäten besteht. Robert Zulj, der absolute Gewinner dieser Saison und technisch wohl beschlagenste Spieler, den ich in knapp 20 Jahren beim Kleeblatt beobachten durfte, könnte in dieser Hinsicht ein Knackpunkt sein. Es ist mehr als fraglich, ob man bei dieser Personalie eine für den Spieler zufriedenstellende, attraktive Perspektive aufzeigen kann, sobald die üblichen Bundesligisten mit ihren Avancen bezirzen. Aus der Personalie Zulj kann man vor dem Hintergrund einer Vertragsrestdauer von einem Jahr wohl getrost den Lackmustest nach der sportlichen Zielstellungsintention der sportlichen Führung ableiten: Ablösegenerierung, Kaderschwächung und Stadionfinanzierungsspritze oder Angriff auf die Spitzenplatzierungen, Verbleib eines Qualitätsspielers und kalkuliertes Risiko. Wie ich meinen Verein kennengelernt habe, wird man sich für Option 1 entscheiden. Und doch gebe ich die stille, naive Hoffnung nicht auf, dass man sich einmal traut einer finanziell potentiell äußerst lukrativen Offerte eine kategorische Absage zu erteilen. Man mag mich an dieser Stelle als äußerst naiv belächeln, aber meine letzte Hoffnung habe ich noch nicht begraben. Denn eines ist auch klar: Die Entscheidungen von Leuten mit einem gewissen Stellenwert, wie Stiepermann und Zulj, werden anderen Spielern – intern wie extern – als grelle Leuchtfackeln auf dem undurchsichtigen Weg durchs Transferlabyrinth dienen. Das muss auch Managernovize Yildirim im Moment seiner ersten großen Bewährungsprobe bewusst sein. Die radikalen wie auch unpopulären Umbaumaßnahem im Winter scheinen ein mutiger Schritt hin zu einem schlussendlich homogeneren Kader gewesen zu sein. Das lässt mich – man entschuldige mich, ich bin nochmal kurz naiv – optimistisch auf die Sommerpause warten. Und wenn ich noch einen kleinen, unrealistischen Wunsch äußern darf: Für Rapp würde ich einige Euro zur Ablöse beisteuern, denn der junge Mann deutet etwas sehr Elegantes, Abgeklärtes in seinem Defensivverhalten an. Großes Talent und mittelfristig wohl Bundesligaspieler.

Die beiden großen Schlagworte, die über den Sommer zur Prämisse der weiteren Entwicklung der Mannschaft werden sollten, sind für mich Konstanz und Balance.
Aktuell ist man in seinem Spiel noch sehr vom Gegner abhängig. Tritt man gegen eine ebenfalls gut organisierte, mitspielende Mannschaft an, fällt es deutlich leichter das eigene Spiel aufzuziehen. Regelmäßigkeit und klare Strukturen auf der Gegenseite helfen dem Team den richtigen Ansatz beim Bespielen des Gegners zu finden. Gegen Mannschaften aus dem Keller wiederum hat man stets mindestens mittelgroße Probleme in dieser Hinsicht, da aufkommende Hektik und unkonventionelles Handeln die Statik des weiß-grünen Gefüges häufig bedenklich zum Wackeln bringen können. Muss man aus seinem geplanten Muster ausbrechen, um auf die Aktionen der gegenüberstehenden Mannschaft zu antworten, trifft man im Kollektiv falsche Entscheidungen und wird dadurch anfällig. Reagieren ist in keiner Hinsicht eine Stärke des Fürther Spiels. Das stellt sich schon alleine beim Versuch ein Ergebnis über zehn Minuten zu verwalten heraus. Die besten Spiele brachte man auf den Rasen, wenn man das Geschehen selbst bestimmen konnte. Bestes Beispiel, um das zu verdeutlichen: Die erste, eher reaktionär und somit durchwachsen gestaltete Halbzeit des Heimspiels gegen Freiburg gegenüber der zweiten, selbstbestimmten und dominanten Halbzeit. Für die kommende Spielzeit gilt es hier den Hebel anzulegen, um unabhängig vom Gegner seinen eigenen Spielplan über die gesamte Spieldauer verfolgen zu können.
Zum zweiten Saisonordnungspunkt, der Balance: Das richtige Verhältnisse zwischen Sicherheit hinten und Torgefahr vorne konnte bisher nicht gefunden werden. In beinahe allen Besetzungen litt eine der beiden Vorgaben unter der Überfokussierung des jeweils anderen. Ich erhoffe mir von weiteren Kaderanpassungen an die Vorstellungen des Trainers, dass die entsprechend benötigten Rollen von der Charakteristik der Spieler noch etwas passender ausgefüllt werden können und man sich somit dem Idealbild des offensiven 4-3-3 weiter nähern kann, im allererwünschenswertesten Fall inklusive geplanter Varianten für mehr Variabilität.

Ich genieße die Situation um den Verein im Moment doch. Sorgenfreiheit auf beinahe allen Vereinsebenen: Ein Stadion, das gerade (endlich?!) aufgehübscht wird. Eine Mannschaft, die wieder ein gerüttelt Maß Esprit versprüht. Eine Finanz- und Sponsorensituation, die nicht fingernägelkauend dem nächsten Bilanzstichtag entgegenzittern lässt. Eine Fankultur, die keine Auseinandersetzung mit politisch beziehungsweise ideologisch fragwürdigen Gestalten erforderlich macht. Und eine Tabellensituation, die einen das bunte Treiben auf den Spielfeldern der Liga wieder grundentspannt verfolgen lässt. Ich bin auf sämtliche Entwicklungen der nächsten Wochen gespannt. Wie sich der Ergebnistrend fortsetzt und wie sich die personelle Weichenstellung darstellen wird. Sicherlich ist die Luft etwas raus, aber im Grund ist das wirklich Jammern auf hohem Niveau. Ein gesundes Verhältnis aus bodenständiger Demut und ambitioniertem Anspruchsdenken hat der Spielvereinigung schon immer gut zu Gesicht gestanden und dabei darf es auch gerne bleiben. Für realitätsferne Spinnereien sind andere Vereine von nah und etwas ferner zuständig. Als Spinnerei hätte ich des Trainers Feststellungen nach dem Derby wohl nicht bezeichnet, aber vielleicht als Marginalie. Als Marginalie, die meine Verbindung zum Team mittlerweile neu angefacht hat. Fünf Spiele noch. Ich habe Bock. Weil es das Team auch wieder hat.

Gemeinsam nur nach vorne!

Über den sterilen Tellerrand.

Es ist Samstagabend, der kleine Uhrzeiger befindet sich irgendwo zwischen der 7 und der 8 auf dem Ziffernblatt. Zu dieser Zeit sitze ich für gewöhnlich zu Hause am Esstisch und fröne den eloquenten Ausführungen der ehemaligen Fußballweltmeister im Bezahlfernsehen, ist der Sonnabend doch gewohnter Weise dem marketingrelevanten Premiumprodukt der höchsten Spielklasse reserviert. Oder andersrum: Der Sonnabend stellt keinen Spieltermin dar, der aufgrund seines hervorragenden Aufmerksamkeitspotentials für den Rumpelfußball der mir nahestehenden, zweithöchsten Spielklasse dieses Landes von Relevanz wäre. Wenn der geneigte Sky-Abonnent seinen wöchentlichen Fix hochklassiger Fußballunterhaltung konsumieren möchte, muss eben doch eine stattliche Anzahl Nationalspieler auf dem Feld versammelt sein. Und selbst wenn dann das zum Topspiel hochgeredete Gestöpsel seinem Etikett nicht gerecht wird, kann man ja doch stets auf das offensichtlich schier grenzenlos vorhandene Potential der aufgelaufenen Spielerschar verweisen. Wird schon noch werden und sie haben ihr Können ja schließlich schon andernorts unter Beweis gestellt – so quasi. Wie soll ein Lothar Matthäus auch sonst im wöchentlichen Rhythmus von einer hohen Bassquode in der spurenelementartig informativen Halbzeitanalyse schwärmen?

Samstagabend also. Und Fußball für mich, hautnah als Liveerlebnis. Aus glücklichen Umständen ergab sich am Vortag des Spiels die Möglichkeit kostengünstig zwei Karten für das Spiel FC Bayern München gegen den Sportverein Werder Bremen zu ergattern. Da mich meine Wege ohnehin in die Landeshauptstadt geführt hätten, ließ sich dieses Vorhaben kurzerhand und ohne große Planung umsetzen und so hatte ich knappe vierundzwanzig Stunden später eine Saisonkarte des roten Münchner Vereins in den Händen, die mir von einem Verhinderten überlassen für diesen einen Spieltag Zutritt zur Allianz Arena gewähren sollte. Für den gemäßigten Stehbereich der Heimseite wohlgemerkt, wo ich doch aufgrund guter freundschaftlicher Verbindungen nach Bremen – trotz vergleichsweise geringer Aktien in diesem Spiel – meine Sympathien für die grün-weißen Freunde von der Weser wohl nur schwer verbergen können würde. Die Optionen hießen also offene Provokation oder auf die Zunge beißen. Das Spannende an dieser Möglichkeit war für mich eigentlich weniger das bloße Geschehen auf dem Rasen, sondern viel mehr das ganze Drumherum. Ich war gespannt auf die Atmosphäre einer ausverkauften Arena, auf das Publikum, auf das Gebotene und ob dieser offensichtlich für viele tausende Leute spürbare Reiz des glorreichen FC Bayern auch ein bisschen auf mich abfärben könne. Wenn man so möchte, wollte ich auch einmal für die Dauer eines Stadionbesuches ein Eventfan sein – ich wollte mich auch einmal ohne die einer Achterbahnfahrt gleichkommenden, emotionalen Beteiligung berieseln lassen. Dass ich damit allerdings so kläglich scheitern sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Zugrunde liegt eine Chronologie von Beobachtungen, die ich an dieser Stelle teilen möchte.

Wo die Anfahrt zum Stadion nur von der ungewohnt grellen, mir ja ohnehin fremden Primärfarbe des lokalen Großvereins dominiert werden sollte und abseits dieser Ungewohntheit keinerlei Auffälligkeiten darstellte, erwies sich der Weg von der U-Bahn zur Einlasskontrolle als erste Begegnung mit dem Unbekannten. Die letzten hundert Meter wurden zum Spießroutenlauf zwischen selfieschießenden Touristen- und Stadionerstbesuchern hindurch. Menschen, die sich gegenseitig eingehakt aufbauten, mussten ihren abendlichen Ausflug für die Nachwelt festhalten – oder, was wahrscheinlicher ist, für die Weiterreichung auf sozialen Kanälen. Man fühlte sich etwas an eine Preisverleihung erinnert, bei der die Wege der Stars und Sternchen aus allen erdenklichen Winkeln von Fotografen festgehalten werden. Lauschte man kurz den beschwingten Kommandos der freudig grinsenden Bildmotive, konnte man eine Vielzahl verschiedener Sprachen ausmachen. Die Besucherschar schien äußerst international zusammengestellt zu sein. Unterstützt wurde dieser Eindruck von mehreren asiatischen Gruppen, die anscheinend im Kollektiv mit identischen Fanutensilien ausgestattet wurden: Baseballkappe und Schal. Mir wurde in diesen Momenten noch vor dem ersten Betreten des eigentlichen Stadiongeländes klar, dass eine nicht unwesentliche Teilmenge der Bayern Fans an diesem Abend ihren Premierenbesuch im Münchner Fußballtempel feiern sollte. Unterstützt wurde dieser Eindruck von der auffallend dichten Präsenz roter Fanshop Tüten. Nun muss natürlich nicht hinlänglich jeder Tütenträger das erste Mal einen Fuß in das Stadion setzen, aber es kauft sicherlich nicht jedermann alle zwei Wochen neue Artikel im Fanshop ein. Ein beträchtlicher Teil des Systems FCB ist auf Konsum und Vermarktung ausgelegt. Und das spürt man. Seien es die Fotofans, die Tüten oder die aufdringliche magentafarbene Aufforderung zur Benutzung des kostenlosen Stadion-WLAN, um mit Lichtgeschwindigkeit die Bayern-App durchforsten zu können.

Auf dem Rasen manifestiert sich mit dem Anpfiff dieses zum Topspiel deklarierten Bundesligaduells eine erstaunlich eindimensionale Darbietung. Der vor Ehrfurcht gelähmt erscheinende Sportverein aus Bremen will und kann sich der Dominanz des Münchners Spiels nur mit kläglich passiven Abwehrversuchen erwehren. Es wird zügig klar, dass es sich an diesem Abend nur um die Höhe des Bayernsieges drehen wird. Mir kam der einseitige Spielverlauf zugegebenermaßen aber nicht allzu unrecht, eröffnete er mir doch mit nur spurenelementartig vorhandenem schlechten Gewissen die Möglichkeit meinen Blick vom Geschehen auf dem Rasen zu lösen, um meine Aufmerksamkeit etwas auf die Randaspekte und Begleiterscheinungen richten zu können. – Die Platzsuche verlief zunächst wenig zufriedenstellend und so musste man sich im prall gefüllten Stehblock mit einem Platz auf der mühsam freigehaltenen Treppe zufrieden geben. Mein Augenmerk galt dem Dreieck zwischen der gegenüberliegenden Münchner Südkurve, den unmittelbaren Nachbarn im eigenen Block und dem im Oberrang platzierten Gästesektor.

Zur ersten zentralen Erkenntnis konnte ich schnell gelangen: Ich habe wohl noch nie einen so emotionslosen, unterkühlten Stehplatzbereich erlebt. Der Blocknachbar zu meiner Linken wäre ohne seine an vergebene Chancen anschließenden Ausflüchte in die tiefsten bajuwarischen Fluch Schubladen keinem der beiden antretenden Mannschaften zuzuordnen gewesen. Sein Verhalten empfand ich als Sinnbild für den gesamten Stadionbereich. Keine optische oder akustische Unterstützung bietend steht beziehungsweise sitzt man an seinem Platz und verfolgt emotionslos die Begebenheiten. Vergebene Chancen oder geschickt vorgetragene Angriffe werden augenscheinlich als derartig voraussetzbar angesehen, dass sie dem Publikum kaum eine unmittelbare Reaktion entlocken. Torerfolge – mei, nimmt man mit einem leichten Lächeln zur Kenntnis. Die beiden lautesten Momente innerhalb der gesamten neunzig Minuten sollten am Ende eine vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters sowie die Auswechslung des unorthodox agierenden Fußballgoofys Thomas Müller sein. Der Sekundenzeiger schafft in der ersten Halbzeit keine ganze Umrundung, ohne einen aus oder in den Block strömenden Besucher. Immer wieder wird man so aus dem Spiel gerissen. Ich konnte zu keinem Zeitpunkt konzentriert in das Geschehen eintauchen und wurde zunehmend entnervter. Einige Reihen weiter in Richtung Mittellinie platziert befindet sich eine mit weißen Umhängen und Wollmützen bekleidete Schar von Menschen, die für die Fernsehkameras gut erkennbar das Firmenlogo der Telekom auf die Tribüne zaubert. Wie mir nachher auf Basis eines Gerüchtes erzählt wird, handelt es sich dabei um Auszubildende des Unternehmens, denen die – natürlich verbindliche und kostenlose – Teilnahme an dieser Aktion als Arbeitszeit angerechnet wird. Dass sich diese einem amerikanischen Rassistenklan ähnelnden Figuren während meiner Beobachtungen zu keiner Bewegung hinreißen ließen, muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnt werden.

Wie ein konträres, sich deutlich von seiner Umgebung abhebendes Biotop in dieser Wüste der Emotionalität und Leidenschaft wirkt hingegen die Südkurve. Wo der Gästeanhang trotz sehr stattlicher Anzahl aufgrund der Materialverbote sowie mindestens suboptimaler Positionierung unter dem Dach nicht einmal in den örtlich benachbarten Blöcken richtig wahrnehmbar wurde, verströmte der organisierte Heimbereich eine willkommene Abwechslung zum restlichen Operettenpublikum. Bunt, politisch engagiert und in guter Lautstärke verfolgte man einen Support, der wie eine letzte kleine Bastion im manifestierten Establishment der Big Spender wirkt. Es entsteht ein Kontrast, der deutlicher nicht ausfallen könnte. Wo man wohl von Vereinsseite einerseits froh um diesen zusätzlichen Aspekt des vermarktbaren Stadionerlebnisses ist, muss einem das Durchhaltevermögen der Südkurve rund um die Schickeria angesichts des überschaubaren Anklangs doch etwas Respekt abringen. Dass die Vertretung von eigenen beziehungsweise fanpolitischen Interessen in einem solchen Konstrukt einem Kampf gegen Windmühlen gleicht, wird in solchen Momenten nachvollziehbarer als es die nüchtern objektive Betrachtung der Voraussetzungen ohnehin bereits erahnen lässt.

Allianz Arena, München. #stadion #Stadium #fcb #svw #football

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Eine weitere Begegnung mit dem Unbekannten stellten die Zuschauergruppen dar, die rund zehn Minuten vor dem regulären Spielende begannen fluchtartig das Stadion zu verlassen. Gut, dass in einem mit mehreren zehntausend Zuschauern gefüllten Stadion der eine oder andere vielleicht relativ knapp zum Geburtstag der Oma eintreffen muss, kann man sich ja noch vorstellen. Dass aber noch während des laufenden Spiels Blöcke im Stadion zu annähernd drei Vierteln leerstehen, habe ich abseits einer deutlichen Schlappe für die Heimmannschaft in dieser Form noch nicht erlebt. Wenn man nur die rasche Flucht aus dem Stadion im Kopf hat – warum geht man dann überhaupt dorthin? Man bedenke an dieser Stelle, dass diesem Teil der Besucher zwei Tore verwährt blieben. Diejenigen, die sich noch im Umlauf befanden, konnten so hastig herbeigeeilt zumindest noch das Ende der Torfeierlichkeiten miterleben. Ob man sie darauf hinweisen hätte sollen, dass die Wiederholung mit einer Verzögerung von wenigen Sekunden auf den Fernsehern in den Gängen zu sehen gewesen wäre? – Meine persönliche Krönung stellte dann aber die kleine Männerrunde dar, aus der mich ein Vertreter im unmittelbar an den Schlusspfiff anschließenden Fluchtimpuls über die Schulter mit folgendem Hinweis bedachte: „Das Spiel ist vorbei, gell?!“. Seinem verdutzten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war „Ja ja, geht ihr ruhig“ die falsche Antwort. Nein, ich kann nicht nachvollziehen, wie man sich in dieser Situation und an einen 5:0-Erfolg anschließend nicht die wenigen Minuten Zeit nehmen kann, um sich von der Mannschaft zu verabschieden. Ja, auch die Herren Multimillionäre waren sich keineswegs zu schade in beiden(!) Kurven des Stadions artig für die Unterstützung dankend vorstellig zu werden. Aber auch in diesem Zusammenhang spiegelt der Anhang des FC Bayern diese erfolgsverwöhnte Selbstverständlichkeit wieder, die bereits weiter oben im Text angesprochen wurde.

Der FC Bayern und sein Monumentalbau stellen resümierend für mich und meine Erwartungen an den Fußball schlichtweg eine Parallelwelt dar. Mir bleibt die Faszination, die Menschen rund um den Globus von diesem Verein begeistert, absolut schleierhaft. Mir persönlich ist das gesamte Auftreten auf und neben dem Feld zu berechnet, zu steril, zu glatt. Ich könnte mich dort absolut nicht heimisch oder zumindest aufgehoben fühlen, könnte mich wohl nicht als hunderttausendster Teil dieses Ganzen fühlen. Auf der anderen Seite darf man das natürlich niemandem absprechen – jeder Fußballanhänger, Fußballinteressierte soll und muss nach seiner eigenen Fasson denken und handeln dürfen. Dem Verein seiner Sympathie nacheifern dürfen. Ich möchte keine Rezension abgeben und darin jedem von diesem Produkt abraten – Ich möchte allerdings doch festhalten, dass es grundlegende Unterschiede in der Rezension von Vereinen gibt. Die schillernde, erfolgreiche, aber eben auch aufgrund ihrer vorprogrammierten Anmut etwas seelenlos daherkommende Fußballwelt des FC Bayern ist etwas Eigenes. Etwas, womit nicht jeder etwas anfangen kann und vermutlich eine spezielle Sorte Fußballinteressierter anlockt. Ich gehöre nicht dazu. Ich brauche keine Perfektion, keine dem Erfolg alles unterordnende Werte. Ich möchte zu etwas gehören, bei dem ich das Gefühl habe einen spürbaren Teil beitragen zu können. Mich zu Hause fühlen, das wertvolle Empfinden von Zugehörigkeit erleben können. – Unter dem Strich war es ein interessanter Ausflug, der mir in vielen Hinsichten neue Einblicke gewähren sollte. Der mir meinen eigenen Verein in seiner Abwesenheit nochmal ein Stück näher gebracht hat, da einem erst dann richtig bewusst wird, was man an etwas hat, wenn man es einmal nicht (mehr) hat. Im Gegensatz zu Topspielen am Samstagabend im Übrigen. Die werde ich nämlich in den kommenden Wochen wieder bevorzugt am Esstisch verbringen.

Axiom.

Mit der Mathematik ist das ja immer so eine Sache. Erfahrungsgemäß gibt es da immer die breite Masse, die man mit dem Kram jagen kann – und eben die Anderen, denen es auf unverständlichste Weise spürbare Freude bereitet, irgendwelche hochkomplexen Gleichungssysteme mit unzähligen seltsam anmutenden Formelzeichen zu lösen. Ich muss ja zugeben, dass ich während der Schule und dem Studium meist in der glücklichen Lage war, trotz absolutem Desinteresse und der einen oder anderen frühmorgens abgeschriebenen Hausaufgabe über einen relativ geschickten Umgang mit Zahlen und Formeln zu verfügen. Richtung naturwissenschaftlicher Oberstufe kreuzte nach endlosen Jahren der eintönigen Analyse von Graphen dann aber kurz vor knapp doch noch ein Themengebiet meine Wege, das mir tatsächlich aufrichtigen Spaß bereiten sollte: Stochastik. Das mag zunächst nicht jedermann etwas sagen, wird aber aus dem Altgriechischen in das Deutsche übersetzt deutlich verständlicher: Wahrscheinlichkeitstheorie. Und ohne jetzt zu tief in die Materie einsteigen zu wollen, kann man eine zentrale Erkenntnis festhalten: Bleibt bei gleichbleibenden Ausgangsmöglichkeiten eine dieser Möglichkeiten über eine längere Abfolge von Versuchen außen vor, wird es mit zunehmender Anzahl der Versuche immer unwahrscheinlicher, dass sich die Abfolge ohne Auftreten dieser bislang fehlenden Option fortsetzen wird. Es wird vermutlich deutlich, worauf ich hinaus möchte: Die lange fehlende Option heißt Derbyniederlage.

Im Vorgang des Derbys, das muss ich heute zugeben, hatte ich schon so ein Gefühl. Dieses Bauchgefühl, das sich bei jedem, der sich wirklich intensiv mit seinem Verein beschäftigt, immer wieder einzustellen vermag. Man entwickelt so eine Art hellseherische Neigung, die einem vorab einen Eindruck der Ergebnistendenz liefert. Und dabei überraschend oft nahe an der schlussendlich tatsächlich eintretenden Gewissheit liegt. Ja, am Vorabend musste ich mir eingestehen: „Ich glaube der Club ist wieder dran“. Da können wir den ganzen stochastischen Nerdkram auch wieder über Bord werfen – es war klar, dass die Nachbarn auch wieder ein Spiel gewinnen werden. Und selten waren die Vorzeichen aus Kleeblatt-Sicht unpassender, als vor diesem Derby. Tabellensituation der Vereine, durchwachsenes Selbstvertrauen, Auswärtsspiel. Irgendwie passte ganz nüchtern betrachtet zu wenig zusammen, um guten Gewissens und mit vollster Überzeugung von einem erneuten Geniestreich im Leichtathletikachteck ausgehen zu dürfen. Ich hoffe, ich habe es damit nicht beschrien. Dieser Aberglaube ist wirklich manchmal übel. – Nun, am Ende sollte es wirklich nicht reichen. In einem Spiel, das von zwei Mannschaften auf der permanenten Suche nach dem gewinnbringenden Verhältnis aus erfolgsversprechendem Risiko und seriöser Verteidigung bestritten wurde, zog man den Kürzeren. Am Ende fehlte in einem ausgeglichenen Derby das letzte Fortune, das Momentum entscheidend und nachhaltig auf die eigene Seite zu bringen. Trotz früher Führung und einer über ganz weite Strecken konzentrierten Leistung konnte man die knappe Niederlage nicht abwenden. Die Serie ist gerissen, wir haben nach acht Jahren mal wieder ein Derby verloren. Da ich mich aufgrund der ominösen Vorahnung ein Stück weit darauf eingestellt hatte, konnte ich mich relativ schnell mit dieser Niederlage abfinden. Wenn ich so zurück denke, wäre mir das früher bedeutend länger auf das Gemüt geschlagen. Die letzte Derbyniederlage erlebte ich als Teenager.- Zwischen den beiden letzten Derbyniederlagen lassen sich übrigens auffallende Parallelen feststellen: das Ergebnis, die entscheidenden Torschützen und ihr Lebenslauf, der Spielverlauf. – Es ist nicht so, dass der Fußball beziehungsweise der Verein für mich heute einen niedrigeren Stellenwert haben, überhaupt nicht. Aber man lernt mit der zusätzlichen Lebenserfahrung Dinge anders einzuordnen. Man kann sie schneller verarbeiten. Und dabei hilft mir auch das Schreiben dieser therapeutischen Blogtexte viel. Am Ende des Tages ist auch ein Derby abzüglich des ganzen Pathos rund um das Spiel auch nicht mehr als eines von vierunddreißig Aufeinandertreffen, in denen ein Maximum von drei Punkten auf dem Plan steht.

Derbyniederlage. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Derbyniederlage. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Dieses zügige Zufriedengeben hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, dass man der Mannschaft absolut keinen Vorwurf machen konnte. Es war jedem weiß-grün gekleideten Spieler auf dem Feld anzusehen, dass er das Spiel gewinnen wollte. Wille, Einsatz, Kampf – es war alles da. Auch die Szenen nach dem Abpfiff zeugten von einer Mannschaft, die aufrichtige Enttäuschung darstellte. Der kritisierte Trainer wartete mit dem taktischen Kniff auf, Benedikt Röcker im defensiven Mittelfeld aufzubieten. Eine Finte, die sich als kluger Schachzug erweisen sollte, da der Tausch spielerisch höherqualitativer Aufbaumomente gegen zusätzliche physische Präsenz gerade in der ersten Hälfte des Spiels wunderbar aufging, sowie für sichtbare Ratlosigkeit auf roter Seite sorgte. Kurzum: es blieb nichts unversucht. Am Ende war einfach das Glück, das in der Hinrunde zum Ende des Spiels auf unsere Seite kippen sollte, an diesem Abend leider auf der anderen Seite. Und so bitter das in einem mit reichlich Emphase versehenen Derby ist – man muss es akzeptieren können. Das ist ein elementarer Bestandteil dieses Spiels. Des Sports im Allgemeinen. Wo es einen Gewinner gibt, da muss es auch einen Verlierer geben. Eine alte Weisheit. Wenn man alles gegeben hat, kann man erhobenen Hauptes und guten Gewissens vom Feld gehen.

Erhobenen Hauptes bringt mich zu einem Punkt, der mir unter den Nägeln brennt, den ich hier unbedingt ansprechen möchte. Es scheint mir der richtige Zeitpunkt dafür zu sein, da sich in den zurückliegenden Monaten doch verschieden gelagerte Beobachtungen anstellen ließen. Man mag mich jetzt als Unwissenden belächeln, aber ich muss es loswerden. Es geht um das Verhalten der Fans.
Die für unseren Verein wirklich überraschend empfindliche Verbandsstrafe von 35.000 Euro hat wohl jeder registriert. Ich musste zunächst kräftig schlucken. Ein Betrag, der in dieser Höhe mit Sicherheit bei den Finanzverantwortlichen nicht zu Jubelstürmen führte, kann man doch davon ausgehen, dass solche Summen ein mittelgroßes Loch in die laufenden Ausgaben reißen. Zurückzuführen war diese Verurteilung hauptsächlich auf die verschiedenen Verfehlungen rund um das Heimspiel gegen Leipzig. Und da ich weiß, dass meine Beiträge auch hin und wieder in die internen Kreise der beiden Ultra-Gruppen fließen, mache ich diese Ansprache ausnahmsweise mal recht direkt: Man Leute, wie unnötig war das denn bitte?!
Gemeint ist hauptsächlich die Ölattacke auf den Gästeblock, die ich als ungewohnt plumpe, billige Attacke wahrgenommen habe. Ja, auch ich lehne das Leipziger Konstrukt ab (wie auch sämtliche andere Investorenvereine) und finde ebenfalls, dass die Kritik daran nicht aufgrund mangelnden Durchhaltevermögens, einer sich latent einschleichenden Gleichgültigkeit oder gar Resignation im Sand verlaufen darf. Aber die „Bullen auf Eis legen“-Aktion passt nicht in das Bild, dass die Fürther Szene bisher auf mich gemacht hat und mich sämtliche Aktivitäten als interessierter Außenstehender gespannt verfolgen lässt. Ich hätte mir einen kreativeren Protest gewünscht, etwas Gewieftes. Und das wäre möglich gewesen, denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es einige sehr kreative Köpfe in unseren Reihen gibt, die auf einem höheren Niveau agieren können. Nun bin ich kein Experte in Sachen Ultrakultur und kann trotz grundlegendem Interesse an der Materie und gelegentlichem Studium einschlägiger Fachliteratur noch immer nicht alle Aspekte beziehungsweise Betrachtungsweisen vollumfänglich nachvollziehen. Aber ich kann sicher sagen, dass mich diese Aktion im Nachhinein unter Berücksichtigung aller Fakten doch enttäuscht hat. Sind wir nicht alle – egal ob „Normalo“ oder Ultra, Steh- oder Sitzplatz – Spiel für Spiel beim Kleeblatt, weil wir das Beste für unseren Verein wollen? Unseren Verein nach unserer eigenen Fasson unterstützen, unseren Beitrag zum Fortschritt leisten wollen? Ich kann diese Fragen alle mit „Ja!“ beantworten. Und deswegen blutet mir das Herz, wenn MEIN Verein zu Schaden kommt – wohlgemerkt ganz egal, ob es sich dabei um materiellen oder ideellen Schaden handelt –weil WIR es verkackt haben. Weil WIR doof waren. Denn im Endeffekt fallen solche Schäden ja dann auf das Kollektiv zurück, im seltensten Fall auf Einzelne. Nach dem Credo „Die bösen Fürther Fans haben Mist gebaut“. Nein, das will ich nicht. Nicht mehr wieder. Es werden, auch vor dem Hintergrund der relativ jungen Geschichte der beiden Gruppen, bereits erstaunlich viele Dinge richtig gut gemacht, auch hinsichtlich der gesellschaftlich übernommenen Verantwortung. Aber wir sind Fürth, wir können mehr. Wir können das besser. (Dass der Becherwurf, ausgehend von der Vortribüne, nicht auf die Rechnung der Ultras geht, ist nebenbei bemerkt natürlich klar.) – Warum erzähle ich das alles? Nun, die Bestrafung durch den Verband zog nicht nur eine Geldstrafe nach sich, sondern auch eine weitere Beobachtung. Der Kreis zu den im letzten Beitrag angesprochenen Bewährungsauflagen schließt sich. Und ja, ich muss offen gestehen, dass ich etwas Angst hatte, was die insgeheim geplanten Aktionen im Stadion anging. Die nähere Vergangenheit hat gezeigt, dass es nur ganz selten ohne Rauch im Auswärtsderbyblock abgeht. Von der dämlichen, einzelnen Rakete, die vor ein paar Jahren den Nürnberger Abendhimmel erhellte, mal ganz abgesehen. Ich hoffte inständig, dass man sich zusammenreißen und auf den Einsatz von verbotenen Stilmitteln verzichten könne. Und wurde zu meiner Erleichterung trotz des kleinen Schrecks beim Hochziehen der kleinformatigen Blockfahne eines besseren belehrt. Wo wir gerade bei gewieft waren: Genau das war es und ich fand es großartig. Pyro angetäuscht und obgleich des durch die Vereine abgesprochenen Choreoverbotes für Gästeanhänger ein schickes, auf den eigenen Verein bezogenes (!) Intro präsentiert. Toll! So soll es sein, vielen Dank an alle Beteiligten. Das ist das unterstützenswerte Motiv unserer Gruppen, das sich in meinem Kopf eingebrannt hat und von dort auch nicht mehr verschwinden soll. Nicht nur die Mannschaft konnte erhobenen Hauptes aus diesem Spiel gehen – auch auf den Rängen dürfen wir das guten Gewissens, haben wir unseren Verein doch würdig repräsentiert.

Intro. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Intro. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Zur allgemeinen Unterstützung im Rahmen des Derbys möchte ich ebenfalls noch ein paar Worte verlieren. Die war nämlich spitze. Trotz bitterer Niederlage kurz vor Schluss und großer Enttäuschung würdigten alle Grenzgänger den Einsatz der Mannschaft mit aufmunterndem, ehrlich anerkennendem Applaus. Kein einziger Pfiff war zu hören. Es sollte auch der im Verhältnis zu den Fans zuletzt etwas unterkühlt wirkenden Mannschaft zeigen, dass die Anhänger in Fürth nicht etwa die vermeintlich notorischen Dauernörgler sind, sondern man eine gute Leistung auch im Falle einer Niederlage durchaus anerkennen kann. Es kommt eben immer auf das Wie an. Und das hat, wie bereits angesprochen, diesmal gepasst. Das ist das, was die Fans zufrieden zurücklässt: Eine Mannschaft, die aufopferungsvoll und aus vollem Herzen auftritt. Die mutig ist, alles für einen Sieg gibt. Spiele zu verlieren ist nun mal alles andere als eine Schande. Stolz gemacht hat mich am Tag darauf auch eine Passage aus den Fürther Nachrichten. Der an beiden Gegentoren unglücklich beteiligte Marco Caligiuri erhielt als zentrale, leider eher tragische Figur des Spiels ein paar zusätzliche Zeilen und wurde wie folgt zitiert:

„Noch vor den Fernsehkameras kommentierte er nach Schlusspfiff mit tränenerstickter Stimme die Niederlage: ‚Es ist nicht schön, das Derby verloren zu haben. Aber es ist schön von unseren Fans, dass sie uns nicht haben hängen lassen.‘“

Wie könnte man einem Spieler böse sein, der sich mit dem Bewusstsein in einem brisanten Spiel Fehler gemacht zu haben mit Tränen in den Augen vor die Presse stellt? Ganz im Gegenteil – das sind doch genau diese Protagonisten, die man sich wünscht. Mit denen man sich identifizieren kann, die das Herz am rechten Fleck haben. Von denen man nicht den Eindruck gewinnt, sie ohnehin unabhängig vom Ergebnis spätabends feiernd in einer Schickimicki-Disco anzutreffen. Andererseits schwingt für mich in dieser Aussage auch die unterschwellige Angst mit, dass sich eben durchaus das Gegenteil hätte einstellen können. Passen würde es zumindest zu meinem Eindruck einer leichten Verunsicherung bei den Spielern, als sie in den Momenten nach dem Abpfiff bis zum Gang vor den Gästeblock für mein Empfinden etwas zu lange verloren und orientierungslos wirkten. Es sind genau diese Momente, in denen man bei genauerer Beobachtung spüren kann, dass die sportlich tendenziell doch negativ verlaufende Spielzeit zu Verunsicherungen in vielerlei Hinsicht führt. Es wird in den kommenden Wochen auch an den Leuten auf den Rängen liegen, die richtige Balance aus berechtigter Kritik und aufmunternder Unterstützung zu finden. Die letzten beiden Spieltage wirkten in dieser Hinsicht wie ein Schritt in die richtige Richtung, nachdem das Spiel gegen Sankt Pauli eine spürbare Delle hinterließ. Nach Schlusspfiff hatte ich den Vorsänger der Horidos im Auge, der immer wieder mit der Faust auf die Brust klopfte. Der bedeutete die Köpfe oben zu behalten, sich nicht das Selbstvertrauen nehmen zu lassen. Für mich genau die richtige Reaktion. Es geht und ging nie darum, jemanden einzuschüchtern. Nicht bei uns. – Vielmehr geht es um das Vermitteln von Werten und Tugenden, die man vorgelebt sehen möchte. Und im Endeffekt dann eben um das Bestätigen, so man diese als erfüllt angesehen hat. Es wäre wünschenswert, wenn diese Message nun auch zu den Spielern vorgedrungen ist. Ein zerschnittenes Tischtuch wäre nämlich das Letzte, was der aktuellen Durststrecke zuträglich wäre.

Insgesamt war es ein Tag, der mir im Nachhinein einmal mehr vor Augen führte, dass ich auf der für mich richtigen fränkischen Seite stehe. Auch wenn mir bewusst ist, dass es überall eine Hand voll Chaoten gibt, bin ich doch überzeugt, dass Nürnberger und Fürther etwas unterscheidet. Charakterlich. Ich kann es nicht hundertprozentig in Worte fassen. Und ich bin mir nicht mal schlüssig darüber, ob ich das überhaupt möchte. Vielleicht sind es schlicht und ergreifend Empfindungen, die man selbst einmal gemacht haben muss. Die man nicht erklären kann und ein Außenstehender wohl niemals nachvollziehen könnte. Die bei emotionalen Umständen immer wieder spürbar werden. Es sind die billigen Provokationen in der U-Bahn. Am Gästeeingang. Auf dem Weg zum Stadion. Im Internet. Und wenn ich an den auf der Ehrenrunde hämisch grinsend in Richtung Gästeblock applaudierenden Niklas F. denke – ja, auch auf dem Rasen. Vielerorts. Ich möchte niemals tauschen. Mein weiß-grüner Stolz war und ist ungebrochen, daran kann ein verlorenes Derby genau gar nichts ändern. – Nürnberg, wir sehen uns wieder. Wir haben schließlich eine neue Versuchsreihe zu starten.

 

Gemeinsam nur nach vorne!