Parallelen.

T-Shirt mit dem Aufdruck "Happy Laune Kleeblatt Fürth" unter dem Bild einer weiß-grünen Dampflokomotive.

Bitte lasst den Rasen und das Tor heil!„. So oder so ähnlich schallte die höfliche Bitte des Stadionsprechers durch die Anlage, natürlich an den etwas verhalten daherkommenden Platzsturm der Gäste gerichtet. Gefehlt hätte eigentlich nur der Zusatz „so wie unsere Spieler es vorher auch taten“ und das Geschehen wäre hinreichend zusammengefasst gewesen. Spätestens als der Nachschub „Für uns geht es noch um richtig was“ erklang, war die emotionale Tragweite des Abends klar. Ein Großteil der Fürther Zuschauer war zum Zeitpunkt dieser Durchsage entweder schon nicht mehr im Stadion oder soeben im Begriff dieses zu verlassen. Die Enttäuschung war deutlich zu spüren, auch eine latente Sorge wahrnehmbar. Ursächlich dafür war aber nicht das reine Ergebnis, das gegen einen seine nominelle Stärke ausspielenden Gegner des Kalibers FC Köln durchaus, das Kräfteverhältnis untermauernd, entstehen kann. Schließlich könnte man in Fürth alleine von Jhon Córdobas einstiger Ablöse über ein Jahr lang den gesamten Lizenzspielerkader finanzieren. Das eigentliche Problem: Es war—und auch in dieser Hinsicht kann man mittlerweile nicht mehr von einem Novum sprechen—das Gefühl eines abermaligen Nichtversuchens.

Wie oft hat man in der Vorrunde noch vom ach so großen Herz gesprochen, mit dem da Rückstände aufopferungsvoll gedreht wurden. Ganz ehrlich – mir ging da stellenweise wirklich das Herz auf, weil es eine so willkommene wie auch gleichermaßen überraschende Abwechslung war. Auch zu diesem Zeitpunkt hat das Fürther Kombinationsspiel keine neuen Maßstäbe gesetzt, doch war der Wille und die Bereitschaft jederzeit spürbar. Genau dieser Wille ist es, der zumindest mir aktuell wieder fehlt. Der lasche und insbesondere wahnsinnig unkonzentrierte Auftritt in Magdeburg, gefolgt vom braven Geleitschutz auf dem Weg zu den Aufstiegsfeierlichkeiten des rheinländischen Gegenübers. Es ist wieder der Punkt erreicht, an dem man zu wenig abliefert, um den Anforderungen des Profisports gerecht zu werden. An dem man an seinen selbsterschaffenen Alibis scheitert, obwohl der David-gegen-Goliath-Charakter des Köln-Spiels wirklich jede motivationale Steilvorlage bot, die man sich als Verantwortlicher im Vorfeld hätte ausmalen können.

Zu wenig.

Lässt man seine Gedanken um die Entwicklung innerhalb des letzten Jahres kreisen, bleibt die Ernüchterung nicht aus. Die hochemotionale Rettung in Heidenheim, der kurzfristige Abschied Helmut Hacks mitsamt der personellen Umstrukturierung an der Vereinsspitze und das Zusammenhalten der Kernmannschaft im Sommertransferfenster waren wohl die wesentlichen Entwicklungen der näheren Vergangenheit. Für Kleeblattverhältnisse war es schon beinahe eine kleine Revolution, die sich da einstellte. Die Weichen für eine sorgenfreie Zwischensaison als Grundlage für weitere Entwicklungsschritte schienen gestellt und wurden von einem vergleichsweise furiosen Saisonstart inklusive des Beinahe-Beinstellens gegen den schwarz-gelben Meisterschaftsanwärter bestätigt.
Was jedoch auch diese kurze Hochphase überdauern sollte, war das leidige Mentalitätsproblem. So paradox das klingt. Zu erkennen wurde dieses abermals, als rund um die Weihnachtszeit die Spiele gegen absolut vergleichbare Gegnermannschaften in allerdeutlichster Form verloren wurden und schlussendlich Damir Buric zum Opfer seiner eigenen, bockigen Schützlinge wurde. Was damals stark nach charakterloser Leistungsverweigerung und intrigantem Trainerloswerdenwollen roch, war angesichts der zwischenzeitlich wieder erfreulichen Leistungen unter Neu-Trainer Leitl schnell von der grundlegend positiven, sportlichen Aktualität überlagert. Nun aber ist man mit dem Köln-Spiel in meinen Augen wieder an einem Punkt angekommen, an dem man das tatsächliche Wollen des Kaders kritisch hinterfragen muss. Wenn lediglich ein aus England geliehener Japaner, noch dazu aus einer ewigen Verletzungspause zurückkommend, den nachhaltigen Eindruck hinterlässt, sich gegen eine drohende Niederlage zu wehren, ist das ein miserables Zeugnis für seine Nebenleute. Wer dann auf dem Heimweg einen Blick auf sein Mobiltelefon warf, musste die ersten Statements der Beteiligten wohl mit Stirnfalten verfolgen. Wo man angesichts der in der Tabelle nahenden Verfolger von einem Wachrütteln, ja vielleicht sogar einer Brandrede gegen die eigene Bequemlichkeit ausgehen musste, wurde man von den verbalisierten Samthandschuhen gehörig überrascht.

„Das konnte ich speziell in den Trainingswochen nicht feststellen. Da waren wir so was von heiß wie Frittenfett. Wir konnten dem Gegner heute nur nichts entgegensetzen.“

Marco Caligiuri über einen potentiellen Leistungsabfall zum Saisonende

„Wir hatten die gesamte Saison über keinen Kontakt zu den Abstiegsplätzen. Das ist schon ein absoluter Fortschritt zur vergangenen Spielzeit. Aber es ist ein Weg, der nicht abgeschlossen ist. Wir müssen das Ding jetzt über die Bühne schaukeln.“

Rachid Azzouzi über das möglicherweise nicht ganz sorgenfreie Saisonfinale

„Wir dürfen uns jetzt auch nicht blenden lassen, dass das, was wir die letzten zwei Wochen gezeigt haben und was auch weh getan hat, unsere Qualität ist, weil wir die letzten Wochen besser gespielt haben. Wir haben gegen Aue und Pauli die Chance, zu punkten.“

„Wenn wir nichts zulassen, spielen wir zu null und haben unser Ziel erreicht.“

Sascha Burchert über das anstehende Spiel in Aue


„Es war natürlich nicht die Leistung, die wir uns von unserer Mannschaft erwartet haben. Wir hätten aber über unser absolutes Leistungsmaximum gehen müssen, um mitzuhalten. Es ist auch eine schwierige Personalsituation bei uns. Auch deshalb waren wir nicht in der Lage, den Kölnern Paroli zu bieten.“

Stefan Leitl zur Partie gegen Köln

Es mutet dann doch recht seltsam an, wie es einem jeden zum Spiel befragten Fürther Verantwortlichen im Nachgang wichtiger erschien, dem Gegner auch wirklich zum ach so super-duper-mega-verdienten Aufstieg gratuliert zu haben. Man will sich als Gastgeber ja schließlich nichts nachsagen lassen müssen. Kaum ein klares Wort zur sehr dürftigen Gegenwehr der eigenen Mannschaft. Keine Anzeichen auf ein Bewusstsein für die sich akut zuspitzende Situation. Einzig Ausreden, Durchhalteparolen und der wenig überzeugende Versuch mit Hilfe der Standardworthülsen die eigene Stärke heraufzubeschwören.
Das Thema ist mittlerweile zu einem wirklich leidigen verkommen. Seit gefühlten zehn Spielzeiten ist es das selbe Bild: Die Sommerpause naht und die kurzbehosten Fußballprofis scheinen auf der Zielgerade zum Erreichen der ohnehin schon äußerst überschaubar gesteckten Saisonziele in allumfassender Lethargie zu versinken. Es ist ein derartig wiederkehrend auftretender Umstand, dass man mittlerweile kaum mehr stochastische Auswertungen benötigt, um einen signifikanten Trend ablesen zu können. Doch worin liegt das begründet? Ist es der Fakt, dass die Spieler—wie zu lesen war—über ihre persönliche Zukunft informiert wurden und dementsprechend entweder einem sicheren Vertrag oder einer ohnehin erzwungenen Luftveränderung entgegenblicken dürfen? Doch ist es nicht das große Ziel der Allermeisten, sich über die Zwischenstation Fürth für höhere Aufgaben zu empfehlen? Kann man dann nicht—zumindest mal aus ganz egoistischem Eigeninteresse—von einer ausreichenden Grundmotivation ausgehen? Serdar Dursun, den man so undankbar wie unsanft vom Hof jagte, fasste es in einem kürzlich gegebenen Interview recht treffend zusammen: „Vom Reden ist noch keiner in die Bundesliga gekommen“. Durchaus vorstellbar, dass Herr Dursun damit auch Grüße an die alte Wirkungsstätte ausgerichtet wissen möchte.

Mentalita Profi.

Schlussendlich liegt das Problem für mich, und auch in diesem Punkt muss ich mich in diesem Blog gezwungenermaßen wiederholen, an der Zielsetzung. Das Thema Alibi sprach ich bereits kurz an. Natürlich ist es absolut nachvollziehbar, dass man nach diversen verkorksten Spielzeiten innerhalb kürzester Zeit zunächst die Prämisse „sorgenfrei“ in Verbindung mit dem entspannten Erreichen der 40-Punkte-Marke als Meilenstein ausgibt. Das Problem entsteht, wenn man dieses Ziel nicht früh genug, gemessen am erreichten Fortschritt, anpasst.
Man kennt das vielleicht aus dem eigenen Berufs-, Schul- oder Studentenalltag. Die ultimative Inspiration ist die Deadline. Wenn man als Ziel das Erreichen der 40 Punkte mit der Deadline Bis Saisonende ausgibt, muss man sich gewiss nicht wundern, wenn dieses Ziel erst kurz vor knapp angegangen wird, obwohl man zwischenzeitlich mehrere Wochen lang die Möglichkeit hatte, diese Marke zu überspringen. Geschickter wäre es meines Erachtens gewesen, angesichts des ordentlichen Zwischenspurts nach der Übernahme Leitls, eine Korrektur des Saisonziels auf Tabellenplatz 8 vorzunehmen. Das hätte die Spannung wohl höher gehalten und aufgrund der ständigen Anspannung weniger Spielraum für Leistungsabfälle gegeben. Noch dazu wäre es in keinster Weise ein unrealistischer Anspruch an sich selbst gewesen. Fordern und Fördern, wie ein Aus- und Weiterbildungsverein das eben handhaben sollte. Aber nun ist man eben zufrieden, wenn man—am Ende im wahrscheinlicheren Fall vorwiegend durch fremde Hilfe—das eigene Rumwursteln mit dem Halten der Klasse krönt und diesmal möglicherweise gar den Sprung in den Profitop der Pokalauslosung schafft.

Ich muss ja schon zugeben, dass es mir mit Blick auf meine letzten Beiträge recht unangenehm ist, zu welcher Block 1-Meckerrentner-Postille meine Beiträge verkommen sind. Andererseits möchte ich einfach nicht akzeptieren müssen, wie man sich dem eingeschlichenen Schlendrian so wehrlos hingeben kann, dass nun bereits das Abwenden eines Worst case als erreichtes, zu feierndes Ziel verkauft werden soll. Der Klassenerhalt der zweiten Liga als die gesamte Saison in gülden Glanz tauchendes Werk. Halleluja, what a time to be alive!
Wo ist die Ambition, wo ist der Anspruch hin, mit dem man als kleiner Verein vor gar nicht allzu langer Zeit für Aufsehen und Anerkennung in der deutschen Fußballwelt sorgen konnte? Jahr für Jahr einen Platz unter den besten 25 Fußballvereinen des Landes einnahm? Warum soll man sich mittlerweile damit zufriedengeben, dass aus dem einhelligen „Was die aus ihren Mitteln machen, ist so stark“ ein relativierendes „Naja, mittelfristig kann man sich so ja eh nicht in der Liga halten“ wurde, solange einem die anderen vergleichsweise kleinen Zweitligisten kontinuierlich den Rang ablaufen? – Für mich steht fest: Es ist das Anspruchsdenken, das momentan den größten Bremsklotz der Spielvereinigung darstellt. Es ist schließlich nur die logische Konsequenz, dass man unabhängig von den wirtschaftlichen Randbedingungen an der Kronacher Hard keine hungrigen, erfolgsbesessenen Spieler mehr formen kann, wenn man nach außen hin die Ambition der Spieler nicht mal mehr auf halber Strecke trifft. Jetzt könnte man natürlich mutmaßen, dass die intern gesteckten Ziele nicht immer deckungsgleich mit den öffentlich kommunizierten sein müssen, aber kann man beim Beobachten des sportlichen Status Quo tatsächlich davon überzeugt sein?
Eines ist für mich mittlerweile auch klar: Das Problem ist ein strukturelles, das offenkundig nicht an konkreten Kaderzusammenstellungen oder Übungsleitern alleine festzumachen ist. Scheinbar auch nicht am viel gescholtenen Helmut Hack, dessen Sparkurs häufig als zurückhaltender Faktor identifiziert wurde. Viel mehr scheint es eine vorgelebte Haltung zu sein, die sich mit einer hochmütigen Selbstgefälligkeit in der Führungsetage zementiert hat.

Es könnte alles so einfach sein.

Alles was ich mir beim Fußball wünsche, ist eine Mannschaft, auf die ich stolz sein kann. Die mir das Gefühl gibt aus 18 Jungs zu bestehen, die irgendwo auf den Fürther Bolzplätzen gefunden wurden und einfach richtig Bock haben, in unserem Trikot zu spielen. Pathetisch, aber eben genau das, worauf sich Fußball als Volkssport reduziert. Und das beinhaltet für mich nicht zwangsläufig die Verbindung mit einem Aufstieg oder ähnlichen, überzogenen Erwartungshaltungen. Es muss nicht unbedingt jedes Spiel gewonnen werden. Man darf Spiele verlieren, solange man danach in den Spiegel schauen kann, ohne sich etwas vorwerfen zu müssen. Und selbst im mumpfligen Fürth hat man mittlerweile ein sehr feines Gespür dafür entwickelt, wann man den Sportpark aufgrund einer aufopferungsvollen Darbietung zufrieden verlassen kann und wann selbst ein verhaltener Danke-für-euren-Einsatz-Applaus ungerechtfertigt ist.
Als Anhänger nimmt man wirklich viel für seinen Verein in Kauf. Das abgesparte Geld geht für Eintrittskarten und Transport drauf, Nerven werden bündelweise geopfert und ganze Tage für Auswärtsfahrten verplant – aber wem erzähle ich das hier. Am Ende ist es im Verhältnis wirklich nicht viel, was man als Gegenleistung erwartet. Ein paar Glücksgefühle und das Gefühl einer gemeinsamen Identität zwischen den Mannen auf dem Rasen und den Menschen auf den Rängen. Und genau diese Verbindung wackelt – die Profifußballabteilung verliert zunehmend die Bindung zu ihren Anhängern, die Identifikation bröselt stetig. Es sind keine neuen Sanitäranlagen oder T-Shirt-Kooperationen, die den leergespielten Ronhof wieder zu füllen vermögen und die Leute ihr Kleeblatt mit Stolz tragen lassen würden. Es wäre viel mehr ein gesamter Verein, der seinem anhaftenden Loserimage aktiv entgegentritt und den Leuten wieder einen Grund gibt, mit Vorfreude dem nächsten Spiel entgegen zu fiebern.

Es bleibt zu hoffen, dass den handelnden Personen bewusst ist, wie wichtig die letzten beiden Spiele sein werden. Es geht längst nicht mehr nur um das blanke Erreichen dieses letzten, fehlenden Punkts. Es geht darum, glaubhaft zu wiederlegen, dass man sich schon wieder—oder immernoch?—im Sog der Abwärtsspirale befindet. Es geht darum, den Eindruck der ambitionslosen Bequemlichkeit zu verdrängen. Und es geht nicht zuletzt um ein Gefühl, mit dem man sich von seinem Anhang in die Sommerpause verabschieden würde. Im besten Fall natürlich ohne ein völlig unnötiges Nachsitzen. Ob das reichen würde, um ein vielsagendes „Nichts erreicht, nur verhindert“-Transparent am Trainingsgelände wie anno 2015 zu umgehen, darf trotzdem bezweifelt werden.



            Vorwärts, Kleeblatt!

Fotoquelle: spvgg-fuerth.com

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