Da war es mal wieder. Das „grüne Leuchten“, wie es auf der einmal mehr für unsere Fürther Verhältnisse imposanten Choreografie bezeichnet wurde. Inhaltlich hätte dieses Spruchband der Choreographie kaum besser passen können, war doch die Erstrundenbegegnung mit dem drittgrößten Verein Deutschlands genau von dieser prickelnden Atmosphäre durchsetzt, die dem Kleeblatt besonders seit dem Jahrgang 2012 allzu oft abging. Ein Gefühl, das viele Anhänger wie ein Schwamm aufgesaugt haben dürften. Balsam für die seit vielen Monaten aufgekratzte Fanseele, Erinnerungen an die Glanzzeiten der jüngeren Vereinsgeschichte.
Auf dem Platz kämpfte ein Kleeblatt-Team aufopferungsvoll gegen den nominell übermächtigen Champions League-Teilnehmer, dessen Kader im Vergleich zum Fürther den knapp 32-fachen Wert besitzt. Eine Relation, von deren surrealem Verhältnis auf dem Platz wenig zu sehen war. Sicher sahen einige Einzelaktionen der gelben Jungs stellenweise eleganter und mindestens einen Gang flotter vorgetragen aus, aber im Gros überwog ein ausgeglichener Fight, in dem beide Seiten zu ihren Möglichkeiten kommen sollten. Auf den Rängen entwickelte sich mit zunehmender Spieldauer wieder ein ausgeprägter Stolz auf diese aufopferungsvoll rackernden Kleeblätter, die endlich wieder nachdrücklich vermitteln können, als eingeschworene Einheit richtig Bock auf Erfolge zu haben.
Es scheint sich mittlerweile zwischen dem umstrukturierten Team auf dem Rasen und den Treuen auf den Rängen wieder eine gesunde, respektvolle Verbindung zu entwickeln, nachdem das Publikum lange mit phasenweise unzugänglich wirkenden Charakteren fremdelte. So, wie die Mannschaft über den Verlauf der ersten Jahreshälfte 2018 zusammenwuchs, so treten auch die Anhänger untereinander nun wieder geeinter auf. Ein anschauliches Beispiel ist die über alle Altersgruppen und Fanmentalitäten hinweg geschlossene Teilnahme an der „Alle in Weiß“-Aktion, mit der nicht nur ideologisch, sondern auch optisch ein homogener Gesamteindruck vermittelt wurde. Und dass den Ultra-Gruppen für ihre Choreo-Mühen neuerdings schon vom Stadionsprecher vorgetragene Dankesbekundungen per Halbzeit-Grußbotschaft übermittelt werden, taugt vielleicht auch zu etwas mehr als einem bloßen Randaspekt. Noch ist es aktuell natürlich nicht mehr als eine Tendenz, das vielzitierte zarte Pflänzchen, das dort auszumachen ist. Entsprechend fürsorglich sollten wir uns alle ihrer annehmen.

Stichwort Zuschauer: Leider war das Dortmund-Spektakel dann doch auch wieder mit den damit zwangsläufig einhergehenden Gelegenheitsgästen im Publikum verbunden. Und darin liegt ein Stück weit Fluch und Segen für die Spielvereinigung, denn nicht wenige Eingefleischte stören sich an gewissen Unterhaltungen auf den Rängen. An der zur Schau gestellten Unkenntnis Mancher über die eigenen Spieler und deren korrekt ausgesprochenen Namen. Einerseits verwässern diese Fans, die man oft nur zu Relegationsheimspielen, Pokalkrachern oder Heimderbys sieht, zwar das angestammte Nordtribünen-Ensemble sowie den damit einhergehenden Support, andererseits sind es wiederum genau solche grundsätzlich Interessierte, die man seit ich mir denken kann nicht dauerhaft an den Verein und den wiederholten Stadionbesuch binden kann.
Was der Spielvereinigung bis heute fehlt, sind ein paar tausend Anhänger im harten Kern. Das ist vereinsgeschichtlich alles erklärbar, bleibt aber schlussendlich ein unangenehmer Fakt. Wie viele treue Unterstützer die Spielvereinigung hat, lässt sich mittlerweile ohne großartigen Interpretationsaufwand anhand der Dauerkartenverkäufe ablesen. Leichte Schwankungen aufgrund sportlicher Ups and Downs berücksichtigt, pendeln sich diese bei rund fünf- bis sechstausend Menschen ein. Inklusive der Tageskarten und Gäste kommt man somit zu den gewohnten Zuschauerzahlen des durchschnittlichen Zweitligaheimspiels. Von den Gelegenheitsgängern bleiben somit anscheinend kaum welche hängen. In dieser Hinsicht hat die Spielvereinigung gegen Dortmund zwar insgesamt einmal mehr ein sehr attraktives Bild abgegeben, aber am Ende hätte wohl erst ein Happy End einen immerhin kurzfristigen Boost der Zuschauerzahl bedeutet. Schlussendlich wirkt es leider, als ob man zwar viele Sympathisanten gewinnen könnte, aber eben nur wenige Anhänger. Ein Knackpunkt bleibt in meinen Augen—trotz der angesprochenen Besserungstendenz—das in diesem Blog bereits ausführlicher behandelte Thema Identifikation. Und auch der Umstand, dass man bei ausverkauften Spielen in den letzten Jahren meist das kürzere Ende zog. Konstanter Erfolg macht anscheinend, zumindest in der Wahrnehmung der grundpessimistischen Fußballinteressierten Mittelfrankens, eben leider doch überaus sexy.

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Quelle: spvgg-fuerth.com

Nur wenige Tage nach dem elektrisierenden Pokalspektakel und dessen emotionaler Verdauung war dann wieder der graue Ligaalltag an der Reihe. Eindrücklicher hätte die emotionale Differenz zwischen zwei direkt aufeinanderfolgenden Spielen auch kaum ausfallen können. Wo ich zu Wochenbeginn noch auf den Fußballen wippend dem Anstoß entgegenfieberte, stand ich nun entspannt an gleicher Stelle und wunderte mich angesichts der sehr respektablen Vorleistung über den enttäuschend dürftigen Zuschauerzuspruch. Gerne wird die Zuschauermiesere ja auch auf den Gegner geschoben. Und wer sich nun ungeachtet des unspektakulär klingenden Gegners im Stadion einfand und angesichts der überzeugenden Leistungen gegen den BVB ein Schützenfest gegen den sehr viel kleineren westfälischen Nachbarn des BVB erwartete, wurde einmal mehr eines besseren belehrt. Fünf Euro für’s Phrasenschwein: Der Pokal hat eben doch seine eigenen Gesetze, die die Kleinen oft auf unergründbare Weise über sich hinauswachsen lassen.
Vor dem Vergleich mit dem unangenehmen Aufsteiger vom SC Paderborn hätte man—angesichts der 120-minütigen, kräftezehrenden Strapazen zum Wochenstart—vermutlich einen einfachen Punktgewinn sicherheitshalber mal angenommen. Man lernt ja dazu. Schließlich waren doch einige Stammspieler körperlich auf der Radkappe unterwegs. Nach dem erlebten Spielverlauf darf man dann aber einen Gegner, den man defensiv unter Berücksichtigung der Umstände recht gut im Griff hatte, natürlich niemals ohne Not mit einem Punkt beschenken. Nun ist der Saisonstart auch mit fünf Punkten aus drei Spielen noch immer eine ordentliche Grundlage für den weiteren Verlauf. Im Gegensatz zur Vorsaison wird der konkrete Punktestand somit für’s Nächste nicht zur öffentlichen Erbsenzählerei verkommen. Was bleibt, ist gleichwohl eine latente Enttäuschung, denn mit etwas mehr Geschick wäre selbst der 9-Punkte-Traumstart nicht völlig unrealistisch gewesen. Und somit knapp ein Viertel des primären Saisonziels.

Obwohl die Fürther Mannschaft für den ordentlichen Saisonstart zurecht Lob einheimsen und somit auch ein wenig durchatmen durfte, sollte der Verlauf der beiden letzten Spiele gegen Dortmund und Paderborn über einen Umstand absolut nicht hinwegtäuschen:
Die Fürther Mannschaft muss auf dem Rasen dringend an ihrem „Stets-bemüht-Auftreten“ arbeiten. Oder plakativer formuliert — sie muss ihre Verlierermentalität ablegen. Das mag zunächst hart klingen, denn in der Zeit seit der Buric’schen Amtsaufnahme hat sich die Mannschaft hinsichtlich ihrer allgemeinen Mentalität sicherlich weiterentwickelt, sie hat einen erfrischenden Ehrgeiz entwickeln können. Man kann ihr mittlerweile nur noch selten ein Einstellungsproblem ankreiden. Der Pokalfight zeigte beeindruckend, dass die Truppe etwas reißen und sich als Kollektiv beweisen möchte, dass sie aus ihrem alten Trott ausbrechen möchte. Auch in der vergangenen Rückrunde konnten einige enge Spiele bereits mit Ehrgeiz, Eifer und dem nötigen Quäntchen Glück auf die eigene Seite gezogen werden.
Andererseits bleibt der Fußball am Ende—nochmal Profit für’s Phrasenschwein—eben trotz bester Grundeinstellung ein Ergebnissport. Die Mannschaft muss zukünftig beweisen, dass sie ihren sportlichen Ehrgeiz noch gewinnbringender, noch cleverer einsetzen kann. Ein Entwicklungsschritt, in dem auch der Trainer gefordert sein wird, der nicht nur sein Unverständnis über die Symptome äußern, sondern auch den überfälligen Entwicklungsschritt sichtbar werden lassen sollte. Späte Gegentore sind in dieser Fülle auch bei einer jung besetzten Mannschaft nicht nur auf das eigene Pech zu schieben, sondern stellen einen Fingerzeig dar.

„Ich bin schon lange Trainer, aber das habe ich noch nie erlebt, das ist eine böse Überraschung für uns alle. Wir müssen das analysieren, wieso und weshalb, damit das in Zukunft nicht mehr vorkommt. Wir haben gewarnt, dass es ein schwieriges Spiel wird und die Organisation stimmen muss. Der eine oder andere hat das aber nicht so wahrgenommen. Wir haben einfache Dinge nicht gelernt. […]Wir müssen schnellstens lernen und diese Fehler abstellen. […]Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber wir wissen, dass wir uns in einem Prozess befinden und noch nicht die Stabilität haben.“ — Coach Buric

Wenn Buric von einer „bösen Überraschung“ und nicht gelernten Dingen spricht, dann meint er damit wohl gleichermaßen das Ausspielen der personellen Überzahl sowie den Fakt, dass man einmal mehr eine Führung fast so unkonzentriert wie auch unnötig aus den Händen gab. Nun klingen die Aussagen des Trainers, als ob die Verfehlungen des Paderborn-Spiels in seiner persönlichen Einschätzung eine Neuentwicklung darstellen würden. Schaut man sich jedoch die Statistik der Vorsaison an, kann man daraus einige charakteristische Tendenzen ableiten, die diese Einschätzung widerlegen:

  • In fünf Spielen—davon drei zu Hause—gelang dem Gegner ein Doppelschlag mit zwei Treffern innerhalb von weniger als sieben Minuten. Der einzige Unterschied zum vergangenen Spiel war der Zeitpunkt der Gegentreffer: In keinem der fünf Spiele fiel der Zeitraum der Gegentreffer in die Nachspielzeit, womit wohl auch zu erklären ist, warum diese Gegentreffer nicht präsenter im Gedächtnis blieben. Der Doppelschlag gegen den MSV Duisburg im letzten Heimspiel 2017/2018 hätte das Kleeblatt um ein Haar den Klassenerhalt gekostet.
  • In zwei Heimspielen der Vorsaison (Bochum und Darmstadt) musste man späte beziehungsweise sehr späte Gegentreffer (nach der 80. Minute) nach eigener Ein-Tor-Führung hinnehmen und so vier wertvolle Punkte abgeben.
  • In fünf Heimspielen war der Spielverlauf 1:0 / 1:1 / 2:1 zu beobachten. Auffällig dabei: In drei dieser fünf Spiele ging man Anfang bis Mitte der ersten Halbzeit in Führung, kassierte entweder kurz vor oder kurz nach der Halbzeit den Ausgleich und erzielte den späteren Siegtreffer nach der 75. Minute (Union, Braunschweig, Kaiserslautern).
  • In zwölf der 17 Heimspiele konnte man mit 1:0 in Führung gehen. Nur zweimal gelang im Anschluss eine 2:0 Führung, unabhängig vom Endergebnis (Düsseldorf, St. Pauli).
  • In nur vier der 17 Heimspiele musste man keinen Gegentreffer hinnehmen.

Anmerkung: Die Auswärtsspiele bleiben in dieser Betrachtung bewusst weitestgehend ausgeklammert.

Es lässt sich daraus schließen, dass die Mannschaft unter Buric schon häufiger mit Konzentrationsschwächen und schlechter taktischer Organisation zu kämpfen hatte. Diese Probleme sind also nicht neu, auch ihr Auftreten innerhalb eines kurzen Zeitraums—wie vergangene Woche—nicht. Dem Kleeblatt gelingt es kaum, eine eigene Führung auszubauen beziehungsweise auf dieser Basis eine dominante Spielweise zu entwickeln. Besonders in hektischen Abschnitten, zum Beispiel kurz vor dem Spielende, muss eine gefestigte Mannschaft mit Hilfe von taktischen Impulsen des Trainers ihren Plan durchziehen können. Clever sein, Fouls einstreuen. Ball halten, Tempo verschleppen. Will die Spielvereinigung nicht wieder im Niemandsland der Tabelle versauern, sondern mittelfristig wieder den ambitionierten Vergleich im oberen Tabellendrittel anstreben, muss das Punkteverschenken schleunigst abgestellt werden. Es kann nicht sein, dass man im Profifußball mit peinlicher Regelmäßigkeit Punkte verschenkt, weil man sich in wenigen Minuten aus Eigenverschulden das kaputt macht, was man vorher mühsam über den allergrößten Teil des Spiels erarbeitet hat.

Vielleicht muss man die Dämpfer der letzten Woche vor diesem Hintergrund sogar als wertvolles Zeichen einordnen. Ein 7-Punkte-Start (oder gar neun Punkte) hätte möglicherweise einmal mehr über viele der bestehenden Probleme hinweggetäuscht. Jetzt muss man sich der erneuten Gefahr einer einschleichenden Negativspirale bewusst sein. Zwei späte Niederschläge müssen mental erst richtig verarbeitet werden, wenn man bereits eine Vorbelastung zu beklagen hat. Dass nun das angeschlagene Duisburg wartet, noch dazu als Auswärtsspiel, macht die Situation nicht ungefährlicher. Es wird darum gehen, weiterhin dem nachhängenden Auswärtsfluch entgegen zu wirken. Und zu beweisen, dass man ein Spiel auch über heikle Phaen und die Nachspielzeit hinweg erfolgreich über die Runden bringen kann. Dann finden die überzeugungsfaulen Fürther möglicherweise nicht nur gegen Dortmund den Weg in den Ronhof.

Vorwärts, Kleeblatt!