Redebedarf.

Eigentlich hatte ich mich zu Beginn des letzten Wochenendes noch geärgert. Oder erst wieder geärgert, respektive. War es doch meine Absicht, meine Eindrücke zur aktuellen sportlichen Situation meiner lieben Spielvereinigung in Worte zu verpacken. Vor dem Spiel in Hamburg noch. Und wie das dann so ist, findet sich zwischen all den Verpflichtungen des Alltags und der bequemen Couch eben doch weder die Zeit, noch die Muse, um eben dies zu tun. Anlässe hätte es schließlich zuletzt einige gegeben, auch einige gute. Der Heimsieg gegen Magdeburg, der mir wohl zum wiederholten Mal in dieser Saison ein komponiertes „Ledzde Sähsong hädd mer des no verluurn“ entlockt hätte. Die verdiente Niederlage gegen Köln hätte man alles in allem gut als standesgemäßes Ergebnis verschlagworten können. Berlin auswärts—Unglück featuring Unvermögen. Und natürlich das absolut unnötige Debakel gegen Aue, das in der Schlussphase schon Züge von Arbeitsverweigerung annahm.
Denkt man mit etwas zeitlichem Abstand nochmal über diese Phase nach, quasi mit reduzierter Impulsemotion und steigender Ratio, zeichnet sich ein Bild ab, das sich nun auch in 93 Minuten auf dem Hamburger Feld abzeichnete. Zu deutlich sind die Parallelen mittlerweile, um auf fehlendes Spielglück plädieren zu können. Glücklicherweise sind sie aktuell zudem noch zu folgenlos, um in größte Panik verfallen zu müssen.

Hemmung.

Nein, es macht mir zur Zeit wieder mal sehr wenig Spaß, dem Fürther Kleeblatt beim Versuch des erfolgreichen Fußballspielens zuzusehen. Nun kann man der Mannschaft wahrlich nicht die gute Absicht absprechen, im Gegensatz zu einigen Auftritten in vergangenen Spielzeiten. Man kann nicht behaupten, dass es ihnen Worschd oder Selbstprofilierung Antrieb des eigenen Schaffens wäre. Da wird, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, schon der Punktgewinn forciert. Da wird der großen Ambition nachgeeifert, verhältnismäßig guten Fußball zu spielen.
Und dabei erhärtet sich bei mir der Eindruck, dass das Dargebotene schlussendlich zu brav vorgetragen wird. Nicht clever genug, nicht gierig genug, um die gegnerischen Mannschaften vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Die eigene Naivität als Limitierung, sozusagen. Gefühlt ist man jede Woche einem Gegner ausgesetzt, der sich vielleicht nicht zwingend über die gesamte Spieldauer, aber zumindest in den entscheidenden Situationen abgezockter verhält. Auch das zeigte die letzte Begegnung einmal mehr auf, als man im unmittelbaren Anschluss an zwei verlorene 50/50-Zweikämpfe Gegentore hinnehmen musste.

Für mein Dafürhalten fehlt es an den Anführern, die dem restlichen Team Haltung und Ambition vorgeben. Die auch für das Publikum mal ein Zeichen setzen—von denen dieser vielzitierte überspringende Funke ausgeht, um das Momentum auf die eigene Seite zu ziehen.
Sascha Burchert wäre ein Kandidat für eine solche Rolle, hat im Tor aber
zu wenig Einfluss auf das Geschehen. Mario Maloča und Daniel Keita-Ruel hätten sicher die Ausstrahlung, sind allerdings wohl keine übermäßig extrovertiert veranlagten Charaktere und zudem aktuell in erster Linie mit ihrer eigenen Leistung beschäftigt. Lukas Gugganig scheint gerne in eine solche Rolle hineinwachsen zu wollen, kann eine Begegnung abseits seiner resoluten Zweikampfführung aber nicht an sich reißen. Potential bestünde noch bei Tobias Mohr, der in der Liga aber momentan noch zu unerfahren ist, um regelmäßig in die Rolle als mitreißendes Schwungrad schlüpfen zu können.
Insofern man im Winter Kadernachbesserungen durchführen möchte, sollte man diesen Aspekt im Auge behalten. Das Kleeblatt versucht lobenswerterweise beinahe alle Situationen über fußballerische Elemente zu lösen, geht im Zweifelsfall inmitten der Intensität und Hektik, die in der zweiten Liga oftmals die entscheidenden Faktoren bilden, aber unter. Mit Sicherheit ist das auch einer der Gründe, warum man auswärts gelegentlich unter die Räder gerät. Nämlich dann, wenn man es nicht schafft, einem Gegner mit der nötigen Entschlossenheit entgegen zu treten.
Gefragt wären zusätzliche Mentalitätsspieler. Die Polters, die Klos‘, die Lezcanos dieser Liga. Diese Sorte Spieler eben, die man im Gegnerteam aufgrund ihres Auftretens mit Flüchen belegt, aber einfach liebt, wenn man sie im Trikot des eigenen Teams die Gegner provozieren sieht. Spieler, die Floskeln à la Die Atmosphäre als Ansporn (Azzouzi über das Auswärtsspiel am Millerntor) auch mit Leben zu füllen vermögen.
Insofern—die Thematik mit den unbequemen Charakteren hat ja auch ihre kapitelreiche, kleeblattspezifische Vorgeschichte—solche Leute überhaupt noch erwünscht wären, versteht sich. Kritische Äußerungen scheinen im Kleeblattkosmos nicht gerne moderiert zu werden. So schaffen es dann gar ehemalige Nationalspieler auf das Abstellgleis zu geraten.

Kontroverse.

„Die Mannschaft hat heute im Gegensatz zu den letzten Auswärtsspielen schon viel vorgehabt. […] Ich sehe, dass die Mannschaft will und deswegen werde ich sie bis auf´s Blut verteidigen.“

Rachid Azzouzi.

Apropos Floskeln. Der von mir sehr geschätzte Rachid Azzouzi gab zu Protokoll, ein „gutes Spiel“ der Truppe gesehen zu haben.
Nun, sicher waren die Bestrebungen offensiv eine Nuance strukturierter als in Darmstadt, defensiv stabiler als in Berlin oder Köln, aber—soll so ein derartig harmloses Gekicke denn wirklich der Standard für ein gutes Spiel sein? Ist für einen solchen Auftritt das Prädikat Gut wirklich angebracht? Die Leistungsstagnation würde für das Vorleben einer solchen überschaubaren Ambition sprechen. Dann möchte ich aber doch hoffen, dass solche Aussagen primär getätigt werden, um öffentlichen Druck von der Mannschaft zu nehmen. Oder, um im Strudel der Negativität die Besserungsansätze in den Mittelpunkt zu rücken.

Die SpVgg bleibt von außen betrachtet eine Wohlfühloase für Fußballprofis. Ohne überzogenen Erwartungshaltungen oder medialer Dauerbeobachtung ausgesetzt zu sein, versucht man eifrig die Bundesliga-Spieler von morgen heranzuziehen. Mit viel Zeit und Geduld wird agiert, um eigene und extern hinzugeholte Talente zu einem funktionierenden Gesamtkonstrukt zusammenzuführen. Was auch ein guter Ansatz wäre, wenn nicht der charakteristisch gewordene Permanent-Erfolgsdruck des Profifußballgeschäfts diese heile Welt—auch im beschaulichen Fürth—immer wieder einholen würde. Die Fernsehgeldtabelle lässt kein Verschnaufen, kein ausgedehntes Probieren zu. Jeder Euro ist eine wichtige Einnahme und jeder Tabellenplatz somit wertvoll für den Verein. Das wissen natürlich auch die Anhänger. Wenn dann miese Leistungen zur Gewohnheit werden, verstärken diese Zusammenhänge die grundlegende Basisfrustration des enttäuschten Anhängers zusätzlich. Die Zeiten sind vorbei, als es in der zweiten Liga die drei Abstufungen Aufstieg – Klassenerhalt – Abstieg gab. Das muss auch der Spielvereinigung bewusst sein. Ob man sich vor diesem Hintergrund einen Gefallen tut, wenn man die eigenen Verfehlungen immer wieder mit zwei Nebensätzen überspielt, weiß ich nicht. Mir fehlt in letzter Zeit von Seiten der Vereinsführung zu oft das Veständnis für frustrierte Fans und kritisches Nachhaken. Ich würde mir wünschen, dass eine Person der sportlichen Führung auch mal mit der Faust auf den Tisch haut und die Mannschaft in die Pflicht nimmt, wenn es die Situation erfordert. Zu groß finde ich die Gefahr, sich auf der einen Seite euphemistisch in die eigene Tasche zu lügen und auf der anderen Seite die eigene Authorität zu untergraben. Mal ganz davon zu schweigen, dass der gemeine Fan nach drei krachenden Niederlagen sicherlich relativ wenig Lust auf Argumentationen im „gutes Spiel„- oder „schon auch viel vorgehabt„-Stil hat.

Verlängerung.

Dass Coach Buric einen neuen Vertrag bekam, war dann schlussendlich keine überraschende Neuigkeit mehr. Überraschend war nach meiner Auffassung viel mehr der Zeitpunkt dieser Verlängerung. Während man, angetrieben von nachhaltender Dankbarkeit sowie einem sorgenfreien Saisonstart, zunächst einen dafür geeigneten Zeitpunkt verstreichen ließ, wählte man für die Fixierung des neuen Arbeitspapiers dann stattdessen einen Zeitraum, in dem die Truppe bereits wieder deutlich erkennbar auf der Stelle trat. Ob man die Vertragsverlängerung dennoch so dringend hätte forcieren müssen, muss letztendlich Rachid Azzouzi hinblicklich der Planungssicherheit suggerierenden Kaderplanung bewerten. Und sich auch an der Verlängerung messen lassen, denn Buric ist nunmehr nicht länger der von Amtsvorgänger Yildirim geerbte Übungsleiter.
Die Zweifel an Burics Fähigkeit zur stetigen Weiterentwicklung des Teams stellen sich bei mir aktuell wieder verstärkt ein. Es sind die fehlende Konsequenz in Angriff und Verteidigung, das oft lasch wirkende Zweikampfverhalten, das umständliche und wenig stringente Angriffsspiel—besonders in den Strafraum der Gegner hinein—oder auch die wiederholend wenig nachvollziehbaren Auswechslungen, die mich nicht überzeugen wollen.
Und es ist auch die an den Tag gelegte Mentalität, die all zu oft wie ein Abziehbild der Buricschen Ausstrahlung an der Seitenlinie wirkt. Stoischer Gleichmut, der auf dem Platz nicht per se einen schlechten Ratgeber darstellen muss, zuletzt allerdings eben auch kein Heilmittel darstellte. Man scheint sich selber mit dem immer gleichen Trott einzuschläfern. Seltsamerweise, denn bis Mitte der Saison trumpfte das Kleeblatt in einigen Spielen mit großem Herz auf und konnte bekanntermaßen einige Rückstände umbiegen. Mittlerweile scheinen die Probleme aber so umgreifend zu sein, dass auch der Faktor Moral nicht mehr zum Tragen kommt.

Ein weiteres Rätsel bleibt der Umgang mit verschiedenen Personalien. Für mich ist allen voran Nik Omladic zu nennen. So bekannt seine technischen Fähigkeiten als Aufbauspieler im zentralen Mittelfeld sind, so unverständlich sind trotz diverser kommunizierter Wehwehchen die ausbleibenden Nominierungen. In der einen Woche als Notnagel in der Schlussphase offensichtlich fit und gefordert, schafft er es in der folgenden Woche auf einmal nicht mal mehr in den Spieltagskader— an seiner Stelle erstmals in dieser Saison der sonst in der Regionalligamannschaft abgestellte Benedikt Kirsch. Solche Nominierungsrochaden lassen nicht den großen Masterplan in der Hinterhand vermuten. Und das spüren irgendwann nicht nur die möglicherweise davon verunsicherten Spieler, sondern eben auch die einfachen Leute auf den Rängen. Und warum spielt, trotz Abwehr in maladem Zustand, der eigentliche Kapitän Marco Caligiuri keine nennenswerte Rolle mehr?
Ein Thema bleibt auch das Umerziehen der Spieler. Für das Umfeld ist nicht unmittelbar nachvollziehbar, warum beispielsweise Offensiv- und Defensivspieler ihre gerlernten Positionen tauschen sollen. Besonders für junge Spieler stellt diese Umstellung eine unnötig große Hürde auf ihrem Weg in die Stammmannschaft dar. Warum werden talentierte Fußballerspieler über ihre jahrelange NLZ-Karriere hinweg auf Positionen geschult, die sie bei den Profis plötzlich nicht mehr bekleiden sollen? Um anschließend zwei Positionen zwar grundlegend, aber keine davon auf einem zweit- oder gar höherklassigen Niveau ausfüllen zu können?
Die Trainerfrage wird aufgrund der letzten Ergebnisse nicht mehr lange zu vermeiden sein. Die Anhänger im Stadion, da muss man keine Ohren wie ein Luchs besitzen, murren bei jedem Heimspiel ein bisschen vehementer. Besonders die Deutlichkeit der Niederlagen lässt die subjektive Bewertung des Geleisteten naturgemäß negativer ausfallen. Damir Buric wird gut daran tun, die offensichtlichen Schwachstellen schnellstmöglich zu beheben. Das sollte sowohl hinsichtlich des letztens Spiels vor der winterlichten Pause als auch hinsichtlich der fortlaufenden Rückrunde erster Ordnungspunkt auf der Trainingsagenda sein. Insbesondere das Verständnis für weitere Standardgegentore dürfte überschaubar ausfallen. Gerade wenn man bedenkt, dass solche Basics eigentlich zum Beginn der Runde einstudiert werden sollten. Die Saison erreicht mittlerweile eine Phase, in der trainierbare Inhalte wie Eckballverhalten (offensiv wie defensiv), Laufwege, Umschaltsituationen zum Tragen kommen müssen. Wo andernorts besondere Stärken—oder zumindest keine deutlichen Schwächen mehr—erkennbar werden, scheint die Entwicklung in Fürth aktuell rückständig auszufallen.

Darüber hinaus muss Buric nun beweisen, dass seine Spielidee nicht nur einen initialen Effekt besitzt, sondern auch Entwicklungsstufen. Bereits während seiner Rettungsmission war nach dem Aufschwung innerhalb der ersten Monate ein Tal zu erkennen, das im Anschluss an eine starke Aufholjagd auf der Zielgeraden beinahe den Klassenerhalt gekostet hätte. Auch in dieser Zeit erschien das Konzept zunehmend vorhersehbar für die Gegner und somit ineffizienter zu werden. Eine Parallele, die auch aktuell wieder erkennbar wird. Auch in diesem Punkt drängt die Zeit, hätte man doch eigentlich den beinahe schon begeisternden Start nutzen sollen, um den eigenen Vorsprung bei der Entwicklung der weitestgehend zusammengehaltenen Mannschaft im Vergleich zur Ligakonkurrenz weiter auszubauen. Chance vertan?

Dennoch.

Bei aller Kritik muss man dennoch auch relativieren: Noch ist die aktuelle Schwächephase kein dramatisches Worstcase-Szenario, da das Punktepolster zum Tabellenkeller noch komfortabel erscheint. Trotzdem gilt es, die Sinne wieder für das Wesentliche zu schärfen. Es war abzusehen, dass sich zu gegebener Zeit eine Schwächephase einschleichen wird. So will es der Sport. Gerade für den Kopf wird es jedoch von immenser Bedeutung sein, der Negativspirale so zeitnah wie möglich wieder zu entkommen.
Schließlich wird man nicht chancenlos vom Gegner in Grund und Boden gespielt, obwohl die Gegentorflut einen solchen Verdacht nahelegen würde. Im Gegenteil: Es bleiben größtenteils eigene Fehler, die die jeweiligen Gegner stark gemacht haben. Die guten Ansätze sind seit Wochen und Monaten zu erkennen, aber die Kleeblatt-Rakete muss längst überfällig die nächste Stufe zünden. Welche Leistungen unter den entsprechenden Umständen möglich sein können, wissen wir schließlich mittlerweile.

Zuletzt hatte ich mich auf diesem Blog zu Wort gemeldet, als der Anschluss an das Pokalspektakel und die gefühlte Niederlage gegen das Last-Minute-Paderborn einen Knackpunkt für den weiteren Verlauf darstellte. Es war ein Knackpunkt, der über die Gefühlslage der kommenden Wochen entscheiden sollte. Damals schaffte man es anschließend, einen erfolgreichen Zwischensprint einzulegen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich ein solcher Verlauf wieder einstellen und so mein kleines Blog-Voodoo wieder Erfolg finden würde.
Gegen Sandhausen wird die Mannschaft zum Beginn der Winterpause mitsamt ihres Trainers die Möglichkeit haben, viele Enttäuschungen der Vorwochen wieder vergessen zu machen. Die Konstellation lässt dem Spiel eine für die möglicherweise gesamte Rückrunde richtungsweisende Bedeutung zukommen. Würde man verlieren, streckten die Niederungen der Tabelle schon wieder ihre Fühler aus und man müsste sich wohl auf eine unruhige Wintervorbereitung sowie Restrunde einstellen. Würde man das Spiel gewinnen, müsste man für das Erreichen des Primärziels noch 14 Punkte aus 16 Spielen einfahren. Es wäre eine absolut machbare Aufgabe.
Um zurück in die Spur zu finden, um die unangenehme Kritik zu widerlegen, kann es eigentlich nur ein Motto geben:
Versöhnung anstreben, Potential ausschöpfen, Sandhausen schlagen!

            Vorwärts, Kleeblatt!

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