Sinnesart.

Auch wenn ich hier weder in steter Regelmäßigkeit noch in irgendeiner Weise Professionalität voraussetzend Texte veröffentliche, gehört zum Schreiben ja doch auch eine gewisse selbstauferlegte Routine. Zu einer solchen Routine gehört für mich das Lesen meiner letzten Veröffentlichung in diesem Blog. Einmal, vielleicht gelegentlich auch zweimal überfliege ich meine alten Zeilen. Manchmal um einen Ansatzpunkt zu finden und die damals verarbeiteten Gedanken in einer gewissen Form fortsetzen zu können. In der Regel allerdings, um mir das dem Text zugrundeliegende Stimmungsbild abermals vor Augen führen zu können. Dies getan, hallen mir meine Mitte April gewählten Schlussworte kräftig in den Ohren nach. Von „Ehrgeiz“ und „Bock“ berichtete ich da. Dass die Kleeblatt-Mannschaft endlich wieder Esprit versprüht, bei mir die zwischenzeitlich akut vermisste Laune auf den Schlussspurt wieder entfacht wurde. Kurzum lauter Begriffe, die nach Studium der zuletzt – zurückhaltend verpackt – enttäuschenden Darbietungen durchaus grotesk erscheinen mögen. Würde man nur die Spiele aus den zurückliegenden drei, vier Wochen heranziehen, käme einem der angesprochene Beitrag wohl wie eine Meldung aus einer Parallelwelt vor.

Es ist ja selbst für alte Fanhasen immer wieder aufs Neue erstaunlich, wie sich die Empfindung rund um den eigenen Verein innerhalb weniger Wochen in eine komplett entgegengesetzte Richtung drehen kann. Natürlich geht es bei solchen Wahrnehmungen nur in den wenigsten Fällen objektiv zu. Fan sein bedeutet einen stetigen Drahtseilakt zwischen ausgelebter Emotionalität und bemühter Rationalität. Für Abwägen bleibt keine Zeit, möchte man doch beim Fußball auch genau diese Emotionen ausleben, sich der den Alltag bestimmenden Ratio für eine Spieldauer bewusst entziehen. Die Aktualität, egal ob in beflügelnder oder enttäuschender Ausprägung, lässt gerne die Brille beschlagen, nimmt gerne den klaren Blick auf Dinge. Und doch bleibt über ein paar Wochen hinweg etwas Verfestigtes haften, über das auch der letztlich versöhnliche Abschluss gegen Sandhausen nicht komplett hinwegtäuschen konnte.

Und täglich grüßt der Ruthenbeck

 

Der Fokus meiner Beobachtungen liegt einmal mehr auf der in Fankreisen ubiquitären Trainer-Thematik. Wo ich vor einigen Wochen noch den Eindruck hatte, dass nicht nur auf dem Rasen ein Formanstieg zu verzeichnen war, sondern auch auf den Plastikstühlen vor der frischen Ronhofer Zahnlücke, muss ich diesen Eindruck zähneknirschend bereits wieder relativieren. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Ruthenbeck eine spürbare Mitschuld an der Niederlagenserie des Saisonendes trägt. Nun soll hier nicht auf jede vermeintliche Verfehlung bei den personellen Nominierungen und taktischen Konzepten eingegangen werden, wenngleich sich mit dem letzten Spiel gegen Sandhausen Reservisten so nachhaltig beweisen konnten, dass man ob des unantastbar wirkenden Stammplatzes der jeweiligen Konkurrenten verwundert zurückbleiben musste. Viel mehr geht es mir bei der Kritik am Trainer um eine höhere, abstraktere Ebene: Die Mentalität, als Folge daraus auch das konsequente Vorleben einer Ambition. – Rewind: Stefan Ruthenbeck gelang es, das Kleeblatt zu konsolidieren und das initiale, elementare Saisonziel einer „ungefährdeten Spielzeit“ insgesamt überzeugend zu erreichen – ein Vorhaben, das aufgrund des gebetsmühlenartigen Rezitierens auf allen medialen Ebenen bereits wie ein zwanghaft eingeredetes Mantra anmutete. Mit Erreichen der ominösen vierzig Punkte, und somit dem quasi sichernden Klassenerhalt, ging im Kader die Spannung in weiten Teilen sowie in rapider Geschwindigkeit über Bord. Es wurde seitens der sportlichen Verantwortlichkeit sowohl der richtige Zeitpunkt für eine Kurskorrektur, wie auch anschließend das Setzen neuer Anreize verpasst. Seit Beginn der Saison propagierte man die „40 Punkte sind für uns alles“-Prämisse, wollte Stabilität entwickeln und vorprogrammierten Enttäuschungen auf diesem Weg vorbauen. Trotz des Wissens mich in diesem Punkt zu wiederholen: Zunächst war das ein logisches, angesichts der Ausgangssituation nicht ungeschicktes Mittel. Auf der anderen Seite macht man sich unglaubwürdig, wenn man zu lange daran festhält, wo doch für jeden im Umfeld zu spüren war, dass man durchaus höhere Tabellenregionen hätte anpeilen können. Was dann folgte, waren Wochen des Wursteln. Auf Pressekonferenzen warf man unentschlossen wirkend mit leeren Worthülsen um sich. Man würde natürlich weiterhin „alles rein hauen“ und das „TV-Geld ist natürlich sehr wichtig für den Verein“. Phrasen, die die Klatschpappen einer Pressekonferenz darstellen: Macht ohne große Anstrengung ein bisschen Lärm, ist am Ende aber nur die Substitution eines erwünschten Eindruckes. Auf den schlaffen, satten Eindruck seiner Mannschaft erwiderte der Trainer dann, dass Profisportler „Motivationsmaschinen“ seien und ohnehin immer gewinnen wollten. Für mich stellte das ein offensichtliches Mismatch zum Geschehen auf dem Feld dar. Fraglich, ob der Trainer von seinen Aussagen überzeugt war, oder andere Absichten verfolgte. Der Mannschaft war jedenfalls anzumerken, dass der letzte Biss fehlte, die Konzentration zu wünschen übrig ließ. Es fehlte nicht an der grundsätzlichen Bereitschaft, aber an den viel zu oft vernachlässigten Feinheiten, die in dieser Liga nach 90 mehr oder weniger ausgeglichenen Minuten oft über Sieg oder Niederlage entscheiden. Sollte Ruthenbeck auch intern derartige Ansprachen halten, wundere ich mich nicht über die pomadigen Auftritte. Schlussendlich kann man sicher festhalten, dass die Äußerungen gegenüber der Öffentlichkeit zum wiederholten Mal einen faden Beigeschmack zurücklassen. Ruthenbecks Aussagen, bereits nach der Winterpause einmal Thema, stellen mir zu oft einen PR-Spießroutenlauf zwischen geschicktem Kalkül und unüberlegten Äußerungen dar.

Coach. (Quelle: nordbayern.de)
Unglaube. (Quelle: nordbayern.de)

Motivation ungleich Mentalität

 

Im Vereinsforum auf transfermarkt.de habe ich ein treffendes Zitat, gepostet von Darts_Fan_15, gefunden:

„It is better to fail aiming high than to succeed aiming low.“
(Bill Nicholson)

Darin sehe ich meine Kritik gut getroffen. Man hätte mehr erreichen können, hätte man die damit verbundene Ambition deutlicher gegenüber Mannschaft und Umfeld vorgelebt. Es war nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit klar, dass man den Klassenerhalt und die darin enthaltene Zielstellung ohne größere Schwierigkeiten erreichen wird. Hätte man den Kurs offensiver kommuniziert und als neue Zielstellung einen Angriff auf die Verfolgerränge 4-6 ausgerufen, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit die Spannung nicht so apodiktisch in den Keller gerauscht. Ja, natürlich hätten Spieler auch dann mit anderen Vereinen verhandelt und man hätte auch in dieser Phase Spiele haben können, die aus den verschiedensten Grünen in den Sand gesetzt worden wären. Aber was hätte man denn verloren? Eine solche Kurskorrektur hätte das ursprüngliche Ziel impliziert – und darüber hinaus eine Ambition untermauert, die dem Potential der Mannschaft gerecht geworden wäre, dieses eventuell auch noch stärker herausgekitzelt hätte. So bleibt für mich unter dem Strich eine Saison, die einerseits erfreulich sorglos verlief, andererseits aber ein Ergebnis ausweist, das das isolierte Ziel erreichen, aber dessen ungeachtet als nur bestenfalls unterschwellig befriedigend empfunden werden konnte.

Inwieweit der Vorwurf einer Mitschuld des Übungsleiter gerechtfertigt ist, kann man als Außenstehender selbstredend nur abschätzen. Der Trainer hat sportlichen Gesichtspunkten folgend einen sehr beachtlichen Job abgeliefert, der dem Vernehmen nach auch eine Etage höher Anerkennung fand. Die Grundlagen – ich glaube nicht, dass wir schon wesentlich weiter sind – seiner Spielphilosophie funktionieren, es wird eine klare Handschrift, eine eigene Spielidee verfolgt, die sich doch vom größeren Teil des ligainternen Einheitsbrei abhebt. Einzig die Defensive weist weiterhin deutliche Mängel auf und dürfte für den Sommer neben der Standardschwäche die größte Baustelle darstellen. Darüber hinaus müssen dominante Leistungen konsequent über die gesamte Dauer eines Spiels abgerufen werden können, um die nächste Lernzielkontrolle zu bestehen. Zu oft konnte man nur eine Hälfte einer Partie bestimmen und verlor anschließend jegliche Kontrolle über das Spiel. – Festhalten sollte man bei aller Kritik an den Aussagen des Trainers aber fairerweise ebenfalls, dass die Mannschaft bezüglich des Vorwurfs mangelnder Charakterstärke kein unbeschriebenes Blatt ist. Ohne Mühe könnte man aus dem Stegreif mindestens ein halbes Dutzend blutleere Darbietungen innerhalb eines Zeitraums von knapp zwei Jahren aufzählen. Unter drei verschiedenen Trainer wohlgemerkt! Bezeichnend ist dabei, dass die neuerliche Negativserie Gegner beteiligte, die allesamt nominell hinter dem Kleeblatt einzusortieren wären. Bielefeld – Kaiserslautern – Heidenheim. Alle haben nicht gegen die Spielvereinigung gewonnen, weil sie berauschenden, reiferen Fußball spielten. Nein – sie wollten mehr. Und auch in diesem Zusammenhang betritt man kein Neuland, auch das wurde bereits mehrfach in dieser Saison angeprangert. Was es umso schwerer erträglich macht, denn nichts ärgert mich persönlich mehr, als verschenktes Potential. Den Reaktionen der Zuschauer folgend, gehe ich dabei nicht von einem Einzelfall aus. Marco Caligiuri fand mit Blick auf das letzte Saisonspiel gegen Sandhausen eine recht passende Formulierung: „Man muss den inneren Schweinehund überwinden“, wenn man erfolgreich sein wolle. Und genau daran scheitert es zu oft – der Bereitschaft die letzten Schritte zu machen, den letzten Biss an den Tag zu legen. Das Spiel zu gewinnen. Für mich ist das eine Charakterfrage. Wenn Ruthenbeck davon redet, dass ein Spieler immer motiviert ist, mag er damit recht haben. Aber Motivation ist nicht mit Mentalität gleichzusetzen. Mentalität ist etwas, was man nicht mit dem Standardprogramm abspulen kann. Mentalität entsteht durch die Gier nach Erfolgen – und genau an diesen Punkt muss man wieder kommen. Und das geht auch über das Formulieren ambitionierter Zielstellungen.

Und jetzt?

 

Wesentlich beeinflussen wird die Formulierung dieser Zielstellung nicht zuletzt auch der Verlauf der Sommerpause. Als Anhänger darf man nur inständig hoffen, dass möglichst wenige der Leistungsträger dem Festgeldkonto zum Opfer fallen und sämtliche Finanzierungskonzepte der Ronhof-Renovierung keine Transfererlöse mehr erfordern. Der Trainer, da sind wir wieder beim angesprochenen Kalkül, baut bereits bevor die Sommerpause richtig begonnen hat Druck auf, indem er seine persönliche Zukunft beim Kleeblatt vom Verbleib seiner Leistungsträger abhängig macht. Absolut verständlicher und nachvollziehbarer Hintergedanke, wenngleich der Grat zur Erpressung da kein breiter ist. Wie völlig richtig diskutiert wurde, scheint sich Ruthenbeck seine handzahmen Vorgänger als abschreckendes Vorbild herangezogen zu haben. Fakt ist allerdings auch – hätte seine Mannschaft nicht eine Reihe von Partien weitestgehend aus eigenen Stücken und völlig unnötig hergeschenkt, wäre mit zwei, drei Tabellenplätzen weiter nördlich auch die finanzielle Situation gelinderter. Vieles wird von den Entscheidungen um das Dreieck Stiepermann, Berisha, Zulj abhängen. Eigentlich darf man nicht mehr als einen Spieler aus dieser Gruppe veräußern beziehungsweise ablösefrei verlieren. Allerdings relativiert sich diese Aussage natürgemäß beim Betrachten der einjährigen Restlaufzeit Zuljs oder einem potentiell hochlukrativen Angebot der finanzstarken Bundesliga Riege für den Spieler im Kader, der am ehesten den sperrigen Titel Motivationsmaschine verdient: Veton Berisha. Es muss einem klar sein, dass die Spielvereinigung bei jedem Spieler eine Schmerzgrenze hat. Nachteile bei der Infrastruktur, Sponsorensituation und den Zuschauerzahlen können am ertragreichsten über diese Methode kompensiert werden. Möchte man in Zeiten der Startup-Vereine keinen Boden verlieren, möchte man weiterhin zu den grob 28 besten Vereinen Deutschlands gehören, darf man solche Einnahmen nicht komplett ausschließen. Oder man muss das Pokerspiel gewinnen.

Ende. (Quelle: spvgg-fuerth.com)
Ende. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Nun soll dieser Text am Ende aber auch nicht undankbar erscheinen. Es war eine Saison, die im Querschnitt von großen Momenten und bitteren Enttäuschungen begleitet war. Es war keine schlechte Saison, es war keine richtig gute Saison. Trotzdem hatte ich häufig Spaß – und bei all dem Ärger, der zwischenzeitlich aufgebrandet sein mag, habe ich doch bei jedem darauffolgenden Spiel wieder aufs Neue mit Stolz mein Kleeblatt auf der Brust getragen. So froh man ist, dass die Ziellinie final überschritten wurde, freut man sich angesichts der langen fußballlosen Zeit (wehe es kommt mir jemand mit diesem unsäglichen Party-Schlandalismus an!) doch bereits jetzt wieder latent auf die neue Saison, den erneuten Vergleich und die wertvollen, intensiven Momente, die man mit seinen Freunden teilen kann. – Das gesunde Verhältnis aus Demut und Ambition kommt zum melancholischen Schluss ingleichen nicht zu kurz, erscheint einem die Diskussion um einstellige Tabellenplätze vor dem Hintergrund eines durchgestandenen Abstiegskampfes dann doch wieder nicht mehr ganz so prätentiös. Man bedenke: Andernorts steigen Vereine in eine möglicherweise auf viele Jahre gesehen sportliche Bedeutungslosigkeit ab, inklusive Existenzangst und anderen unangenehmen Begleiterscheinungen. Ja, bei der Bewertung der nun vergangenen Saison darf man die Horrorspielzeit noch einmal als Vergleichswert heranziehen, ab nächster Spielzeit darf das nicht mehr der mahnende Zeigefinger sein. Dann übernimmt wieder die Ambition als kleiner Verein ordentlich zu rocken. Das darf dann auch sehr gerne wieder so vorgelebt werden.

Du bist der Sinn. –
Gemeinsam nur nach vorne!

6 Gedanken zu “Sinnesart.”

    1. Richtig, mein Fehler. Danke. Ich überlege gerade, ob es an der grundsätzlichen Aussage im Kontext viel ändert – ich glaube fast nicht. Der Chronistenfpflicht halber sollte es aber nicht unerwähnt bleiben.

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