Hackordnung.

Gefühlt ist es mittlerweile ja schon wieder eine halbe Ewigkeit her. Das Saisonfinale in Heidenheim. Geprägt von einer Emotionalität und Hingabe, wie sie das Kleeblatt in der näheren Vergangenheit weder auf dem Rasen noch auf den Rängen zu versprühen wusste. Es sollte mit etwas Anlauf ein gigantischer Nachmittag werden, der nach einem äußerst nervenaufreibenden Spiel der puren Erleichterung gleichkam und gleichzeitig auch aufzeigte, welch fanatisches, stimmgewaltiges Potential im harten Kern der Anhängerschaft schlummert. Und wenn man so an die teilweise gar supportbeteiligten Profis, Angehörigen und Mitarbeiter auf der Tribüne denkt, wurde auch endlich die manchmal etwas selbst propagiert daherkommende Idee der Kleeblattfamilie mit Leben gefüllt.
Kaum war in den anschließenden Tagen die Erleichterung abgeklungen und der mediale Fokus allmählich auf die Relegation und den Auer Einspruch gerichtet, wurden bei der Spielvereinigung die ersten Konsequenzen verkündet. Die Nachricht über die ersten Entscheidungen hinsichtlich der Kaderplanung für die kommende Saison waren dabei weder überraschend, noch sonderlich emotional belastend. Einzig die Trennung des gebeutelten Sercan Sararers mutete tendenziell überkonsequent an, hätte man doch angesichts der emotionalen Nähe zu Verein sowie Sportdirektor auch gut von einer stark leistungsorientierten Verlängerung eines solchen nachgewiesen überdurchschnittlich begabten Offensivspielers ausgehen können.
Die Nachricht, die dann wenig später über das Nürnberger Fußballfachblatt veröffentlicht wurde, hatte im direkten Vergleich dazu dann jedoch die Magnitude eines schweren Seebebens, das die Fürther Fußballwelt aus seiner zwischenzeitlich wieder erlangten Glückseligkeit riss.

Die für seine Person untypische Dankesbekundung vor dem Gästeblock in Heidenheim ließ etwas derartiges mit etwas Feinfühligkeit bereits befürchten: Helmut Hack, der Macher und pragmatische Vordenker der heutigen, post-fusionären Spielvereinigung legte vor wenigen Tagen seine Ämter, besonders natürlich das des Präsidenten, im Verein nieder. Überraschend ist in meinen Augen nicht der Rücktritt als solcher, sondern eher das Timing für diesen. Persönlich hätte ich nicht gedacht, dass es für Helmut Hack in Frage kommen könnte, die Geschicke des Vereins ausgesuchten Nachfolgern anzuvertrauen, solange sich die Profimannschaft durch ein derartig unruhiges Gewässer manövrieren muss, wie es derzeitig leider hauptsächlich der Fall ist. Hinzu kommen natürlich auch die Ungereimtheiten und das katastrophale sportliche Abschneiden im Nachwuchsleistungszentrum. Dafür schätzte ich Hack als zu perfektionistisch, vielleicht auch als zu eitel ein, um von einem so rigoros geplanten Rückzug auszugehen. Auf der anderen Seite bleibt natürlich auch die Vermutung, dass Helmut Hack selbst die Überzeugung verloren haben könnte, noch die richtigen Fäden auf dem Weg zu einer sportlichen wie auch wirtschaftlichen Weiterentwicklung in der Hand zu halten. Auch das gesundheitliche Wohlergehen ist selbstverständlich stets ein Faktor, über den an dieser Stelle jedoch nicht spekuliert werden sollte.

Zeugnis

In den letzten 22 Jahren hat sich der Präsident für den Verein unbestreitbar äußerst verdient gemacht, darüber sollte es keine Diskussionen geben. Und um das festzustellen, muss man nun auch nicht lange mit Bilanzergebnissen jonglieren. Obwohl es stets doktrinär propagiert wird, soll auch hier festgehalten sein: Helmut Hacks Werk ist alles andere als eine Verständlichkeit. Was wir heute beim stolzen Betrachten der Tabellenspitzenposition in der ewigen Zweitligatabelle oder des im Umbau befindlichen Ronhofs als mittlerweile beinahe selbstverständlich gegeben ansehen, ist ein enormer Verdienst. Andere, in ihren Voraussetzungen mit dem Kleeblatt vergleichbare Vereine, versuchten im Zuge des kurzfristigen Größenwahns die Gesetze des Wettbewerbs mit Hilfe fremden Kapitals auszuhebeln — und verhoben sich. Mittlerweile befinden sich solche Vereine abgewirtschaftet in den Niederungen der Landesverbandsligen. Überlegt man, welchen beklagenswerten Zustand das Fürther Kleeblatt zum Zeitpunkt des Eintritts der Vestenbergsgreuther Fußballabteilung hatte und vergleicht man anschließend, welch renommierte Adresse sich am Ort der ehemals staubigen Stufen unter den Ronhofer Papeln entwickelte, muss man kaum weitere Vergleiche bemühen.

Beurteilt man die Amtszeit, also sozusagen das Werk Hacks, darf man aber auch ein Kapitel nicht ausklammern: Den Start. Bei all dem Lob, das in der Retrospektive ausgesprochen wird, muss auch festgehalten werden, dass Helmut Hack eingangs wie ein unbeholfener Elefant auf den Werten vieler Fürther herumgetrampelt ist. Dazu sollte gesagt werden: Helmut Hack musste gezwungenermaßen auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Dazu gehör(t)en beispielsweise die berüchtigten, unliebsamen Verkäufe lieb gewonnenener Spieler, oder eben früher auch mal abgegebene Derby-Heimspielrechte. Oder ein Aktionsspieltag zur feierlichen Eröffnung des neuen schwedischen Möbelhauses in der Stadt — natürlich inklusive blau-gelber Trikots und Vollvermarktungspaket im Stadion. Dass zudem noch atmosphärische Störungen mit führenden Mitgliedern der damaligen Szene aktiver Anhänger vorherrschten und auf die Befindlichkeiten dieser auch wenig Rücksicht genommen wurde, ist bis heute noch vielen alten Weggefährten gedanklich präsent, die den Weg trotz—oder gerade wegen—all der eingangs entgegengebrachten Gleichgültigkeit noch bis heute mitgestalten.
Mit Sicherheit kann auch der scheidende Präsident nicht von sich behaupten, nur richtige Entscheidungen getroffen zu haben. Und sicherlich hat Helmut Hack eingangs auch äußerst wenig Verständnis für die Vorstellungen der angeheirateten Fürther entwickeln können. Die Greuther Spielvereinigung würde in heutigen Zeiten angesichts solcher Vorgehensweisen wohl auch als Projektverein bezeichnet werden. Glücklicherweise fand dieser Stil sein Ende und der Präsident zu einer späten Einsicht, so dass heute vielleicht nicht von der allergrößten Liebesbeziehung gesprochen werden kann, der Zweck und die spätere Öffnung in Richtung der alteingesessenen Anhängerschaft aber damals aufgerissene Wunden so relativieren konnten, dass man zum heutigen Tag zumindest von gegenseitig respektvollem Umgang reden kann. Und von einem gemeinsamen Strang, zu dem man gefunden hat.

Wie in den öffentlichen Kommentarbereichen, unter den diversen Depeschen zum Hackschen Rückzug, teilweise reagiert wurde, empfand ich als beschämend und undankbar. Es hatte schon Züge von Retourkutschen, die aus Gründen verletzten Stolzes gefahren wurden. Am liebsten würde manch alteingefleischter Kritiker nun flugs das „Greuther“ verbannen und kurzerhand die Undo-Taste für die letzten beiden Jahrzehnte drücken. Und dieser unsägliche Holzschuh, der muss natürlich auch endgültig weg. — Wenngleich man diese Zeit nicht als das Glanzstück der 115-jährigen Vereinsgeschichte sehen muss, sollte man sie aber zumindest akzeptieren können. Akzeptieren, da sie ebenso den Weg in die Gegenwart mitgezeichnet hat, wie beispielsweise auch die Epoche des Sir William Townley, unter dessen Leitung die Spielvereinigung Anfang des 20. Jahrhunderts zur europäischen Eliteklasse gehörte. Schließlich erfahren wir durchaus Stolz, wenn wir uns die geretteten Exponate dieser Zeit in der neuerrichteten Haupttribüne ansehen. Und wer weiß: Vielleicht sehen die Fürther kommender Generationen ja ebenfalls einmal zurück und kommen zu dem Schluss, dass diesem Helmut Hack Dank gebührt, da man ohne sein Zutun möglicherweise Erfolge späterer Tage überhaupt nicht hätte erleben können. Weiß man’s?

Fürths Robin Hood?

Bislang fiel der Name des Fürther Unternehmers Thomas Sommer in Bezug auf die Spielvereinigung besonders durch seine Beteiligung am Stadionnamen und das damit verbundene Sponsoring auf. Auch in den Planungen des vor einigen Jahren von einer geschützten Vogelgattung ausgebremsten Stadionneubaus wollte er laut vollmundiger Aussagen eine zentrale Rolle bei der Finanzierung einnehmen. Wer nun das Rauschen im Blätterwald des Lokaljournalismus einigermaßen aufmerksam verfolgte, wird festgestellt haben, dass der Name Sommer im Anschluss an die Vertragsverlängerungswelle der Sponsoring-Partner wieder frequentierter auftauchte. Einigermaßen überraschend war das zugegeben nicht. Helmut Hack dankt ab, und der Mann, dessen Verhältnis zum bisherigen Boss aus der Distanz betrachtet wohl als maximal professionell distanziert bezeichnet werden konnte, platziert geschickt sein Interesse an der Erbschaftsfrage. Die Vermutung läge somit nahe, dass Thomas Sommers reines Investitionsvolumen eher auf Hacks Interesse stieß, als die im Umkehrschluss damit einhergehenden Eingeständnisse. Thomas Sommer bemerkte bereits mehrfach, dass er gerne millionenschwere Investitionen tätigen würde, als Gegenleistung aber Einfluss auf die Verwendung dieser Gelder erwarte. Nicht weiter verwunderlich, wenn man aus einem knallharten Businessumfeld wie der Immobilienbranche stammt, allerdings eben auch eine potentiell rote Fahne für die sportliche Leitung bei der Bewertung dieses Vorhabens. Es bleibt kaum zu beurteilen, ob Thomas Sommer nun als der Robin Hood des Fürther Stadtwalds angesehen werden sollte, oder vielleicht doch eher einen knallharten Immobilienhai darstellt, der trotz aller anscheinend vorherrschenden Sympathie lediglich einen weiteren Business Case für sich erkannte.

Klar ist: die Spielvereinigung muss sich besser heute als morgen für Investoren öffnen. Diese Erkenntnis reift wohl nicht nur bei mir, seit die Leichtigkeit und zeitweilige Selbstverständlichkeit zunehmend dem immer bedrohlicher wirkenden Klassenerhaltskampf weichen muss. „Investor“ klingt in diesem thematischen Bezug seit dem Einfall der nahöstlichen Scheichs und Magnaten in den westlichen Profifußball nicht mehr ganz so sexy. Negativ besetzt würde man es mittlerweile wohl andernorts nennen. Nun wird sich das Problem in Fürth ziemlich sicher nicht stellen, denn Hand auf’s Herz: Welcher Vermögende würde die Profiabteilung eines kleinen Vereins ohne bedeutendes Umfeld als lohnenswerten Business Case ansehen? Insbesondere, wenn man bedenkt, dass eine Investitionsspritze im Normalfall kein geschenktes Kapital, sondern eine Form von lukrativer, gewinnbringender Geldanlage sein soll. Und dann bleibt eben, insofern man nicht sehenden Auges in die sportliche Bedeutungslosigkeit—also zu den von Schuldenlasten erdrückten Konkurrenten früherer Jahre—abstürzen möchte, nur das Handaufhalten.
Wie man persönlich über solcherlei Konstrukte und Machenschaften denkt, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Am Ende heiligt der gewinnbringende Zweck die Mittel. Das heißt: werden finanzielle Mittel strategisch richtig eingesetzt, wird bis auf einen harten Kern tapfer idealistisch denkender Fußballromantiker niemand aus der breiten Masse der Fußballinteressierten intervenieren. Möglicherweise wird es sogar nicht mehr lange dauern, bis der Einstieg von potenten Geldgebern auch in der zweiten Liga als Business as usual angesehen und einen unumgänglichen Teilaspekt des Profifußballs darstellen wird. Entweder man passt sich dem Trend an und schwimmt weiterhin mit dem Strom, oder man wird eben abgehängt. Einen Zwischenweg wird es möglicherweise schon bald nicht mehr geben.

Fremd im eigenen Verein?

Es ist noch nicht so arg lange her, dass ich den Einstieg eines Investors als Schlussstrich meiner Aktivitäten als Vereinsanhänger gesehen hätte. Eine unüberbrückbare, fußballromantische Dissonanz. Dieser Entschluss entstand zu den Zeiten, als Geschäftsleute aus dem näheren sowie fernen Osten damit begannen, ihren neuerworbenen Vereinen nach eigenem Gusto einem Facelift der Vereinsinsignien, zum Beispiel des Wappens oder der Vereinsfarben, zu unterziehen. Als Vereine nur noch eine Hülle, ein wohlklingender Name waren, um hinter den Kulissen alles nach persönlichen Vorlieben gestalten zu können. Diese oder ähnliche groteske Ausströmungen der Fußballkultur wären mein individueller Schlussstrich gewesen. Wenn nun aber Unternehmen oder Einzelpersonen aus der Reihe der regionalen, strategischen Partner – also sozusagen aus dem harten, treuen Kern des Sponsoringpools – ihr Engagement im deutlicheren Umfang ausweiten möchten, könnte ich gut damit leben. Der Unterschied und gleichzeitig springende Punkt ist für mich, dass diese Partner mit dem Verein und der Stadt verwurzelt sind und in „ihren“ Fußballverein investieren möchten. Sicherlich bleibt aber auch dieser Ansatz mehr Kompromiss denn Wunschvorstellung.
Sind diese Deals dann mit keiner Form von Bevormundung oder Vetorechten verbunden, kann daraus eine Geschäftsbeziehung entstehen bzw. ausgebaut werden, die nicht die Gefahr birgt, von den Launen Einzelner abhängig zu werden. Mahnende Beispiele für das Scheitern solcher Partnerschaften braucht man natürlich nicht lange suchen. Etwas weiter südlich erholt man sich bis heute von einem missverstandenen Businesscase.

An diesem Punkt schließt sich für mich der Kreis zu Helmut Hack. Es machte zu keinem Zeitpunkt den Anschein, als ob der Einstieg von Geldgebern unabhängig vom zugrundeliegenden Modell eine realistische Option gewesen wäre. Wenngleich der Präsident zuletzt ebenfalls von einer Öffnung in dieser Hinsicht sprach, um vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Stagnation und sportlich zunehmend bedrohlich gewordenen Lage Zukunftsvisionen aufzuzeigen. Nun ergibt der Rücktritt Hacks natürlich die Möglichkeit, die internen Strukturen und Befugnisse so zu ordnen, dass eine Öffnung in Richtung Investorentum möglich wird. Dazu müsste man nun einschätzen können, wie das Nachfolgekonstrukt um die Herren Azzouzi, Schwiewagner und Meichelbeck dem Thema gegenüber eingestellt ist. Als Zöglinge Hacks sollte man aber wohl nur vorsichtig optimistisch sein und keinen ideologischen U-Turn erwarten. Insbesondere Schwiewagner wirkte in seinen öffentlichen Aussagen eher konservativ denkend und zurückhaltend. Auch Fred Höfler, der als neuer Präsident des Stammvereins über seine damit einhergehende Position im Aufsichtsrat der ausgegliederten Profiabteilung Einfluss auf die dortigen Entscheidungen nehmen kann, ist wohl eher der Kategorie Networker denn der Kategorie Fondsmanager zuzuordnen. Höfler soll ein Kumpel von Thomas Sommer sein — was theoretisch bereits zwei gewichtige Stimmen im Aufsichtsrat bedeuten würde, insofern man gemeinsame Vorstellungen durchgesetzt respektive gestärkt sehen wollte. Nicht nur aus diesem Grund wird es in der Frage der Nachfolgegestaltung spannend bleiben. Obwohl das neue Organigramm kommuniziert sowie die neuen Positionen besetzt wurden, werden sich die Fronten noch klären müssen. Es muss sich herausstellen, welche Mentalität die neu besetzte Führungsriege vorleben wird.
Ich würde mir einen Weg wünschen, der es vertrauenswürdigen Investoren mit einer engen Vereinsverbundenheit ermöglicht, langfristig Geld in den Verein zu investieren. Die Akquise von Fred Höfler, der wohl hervorragend in der hiesigen Wirtschaft vernetzt sein soll, deutet einen solchen Weg an. Und ich würde mir wünschen, dass wir in 22 Jahren alle zusammen auf eine weitere Ära zurückblicken können, für die man die Entscheidungsträger nur beglückwünschen kann. Nur auf die Ikea-Trikots, auf die könnte ich wirklich verzichten.

Danke, Helmut Hack!

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