Fügung.

Der letzte Eintrag in diesem Blog wurde kurz nach der Entlassung Janos Radokis geschrieben. Das ist zugegebenermaßen nicht mehr wirklich nah an der Aktualität zu verorten. Ganz im Gegenteil. Oft habe ich mir seither Gedanken gemacht, ob ich nicht wieder ein paar Zeilen in diesen Blog schreiben sollte. Ich muss zugeben — gerade in der Vorrunde fehlte mir in den meisten Fällen schlichtweg die nötige masochistische Ader, um mich freiwillig ein zweites Mal innerhalb einer Woche mit dem phasenweise unsäglich dargebotenen Dilettantismus auseinandersetzen zu wollen. Eine Portion Fremdscham und wiederkehrende Enttäuschung dominierten das fußballaffine Gefühlsspektrum für eine viel zu lange Zeit. In der Rückrunde reihten sich dann öfters erschreckende auf der einen und einigermaßen versöhnliche Auftritte auf der anderen Seite so aneinander, dass sich die Stimmungslage im Wochenrhythmus munter drehte — und es in meinen Augen schwer erschien, die Geschehnisse in einer treffenden Form zu bewerten. Geschweige denn ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man das alles für sich selbst einordnen sollte. Endzeitstimmung versus Werd scho wer’n-Geist. Was sich nun aber in den letzten Wochen, also in der Crunchtime der laufenden Saison, abspielt, lässt die Schreibwut wieder aufkochen.

Das Fass zum Überlaufen bringt der Auftritt am Hamburger Millerntor. Die Verantwortlichen sahen sich zuletzt in ihren Statements, mitunter überbetont zuversichtlich formuliert, bemüßigt, ihrer Überzeugung ob der zunehmend wieder realistisch erschienenen Chance auf den Klassenverbleib Ausdruck zu verleihen. Von einer geilen Mentalität und einer absolut intakten Mannschaft war hier und dort zu lesen. Natürlich nicht, ohne indirekt auf die unablässige Kritik aus dem Umfeld zu antworten, derer sich die Fürther Planer immer wieder bezüglich der Mentalitäts- und Charakterfrage ausgesetzt sahen. Ein Punkt, der seit der missglückten Relegation zu eingefahrenen Diskussionen führt und speziell durch die notorisch enttäuschenden Auswärtsauftritte regelmäßig neuen Nährboden erhält.
Man musste sicherlich nicht erst die alles vermissen lassenden Spiele in Regensburg, Ingolstadt und Hamburg gesehen haben, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die diesjährige Truppe allzuoft ganz Entscheidendes vermissen lässt — Mentalität, Einstellung und Willen. Sobald ein Gegner auf dem Feld steht, der bereit ist körperlich robust und mannschaftlich geschlossen aufzutreten, ist das Spiel nahezu entschieden. Zu unseren Ungunsten versteht sich. Mit blamablen Alibibemühungen werden dann Angriffe in einem konstant gehaltenen Trabtempo zusammengestöpselt, bis nach drei Stationen wahlweise ein Fehlpass oder eine missglückte Einzelaktion den abermaligen Ballverlust besiegeln. Verlorene Zweikämpfe lassen das Kartenhaus insbesondere auswärts in Rekordzeit auseinanderfallen. Hinzu kommt ein Trainer, der nach anfänglicher Stabilisation der Defensive keine neuen Impulse mehr sichtbar werden lässt, stattdessen Woche für Woche auf die gleichen Lieblinge in wiederholt erfolglosen Konstellationen setzt.
Einen beinahe schon erschreckenden Hilfeschrei formulierte am Wochenende dann der sonst in der Öffentlichkeit nicht als Lautsprecher bekannte, dafür intern wohl umso meinungsstärkere Kapitän Marco Caligiuri:

Dieses Gesicht der Mannschaft geht so nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zum letzten Mal so aufgetreten sind wie heute. Wir haben es nicht mehr geschafft gegen die Kulisse anzukommen und zurück ins Spiel zu finden. Erstmal steht jeder selbst in der Pflicht, sich zurück ins Spiel zu kämpfen und sich selbst zu überwinden und dann den Gegner. Das ist heute zu wenigen Spielern gelungen und deshalb haben wir verdient verloren. Ich hatte zu Beginn der zweiten Halbzeit ein gutes Gefühl […]. Und nach dem 3:0 war es uns nicht mehr möglich, das Spiel irgendwie zu drehen. Es ist schwer, eine Erklärung zu finden. Es war einfach zu wenig von zu vielen Spielern. Das Gespräch mit den Fans nach dem Spiel war ein sehr guter Austausch vor allem in Bezug auf Duisburg. Es geht nur, wenn wir zusammenhalten.

Leid tun mir bei diesem absolut gerechtfertigten Rundumschlag nur wenige, die sich zwar im direkten Vergleich zu ihren Kollegen deutlich erkennbar überdurchschnittlich bemühen, im Kollektiv dann aber leider ebenfalls untergehen. Ich hätte mir eine solche Ansage nicht erst nach der x-sten Minus-Performance gewünscht. Nicht erst so kurz vor dem wortwörtlichen Ende. Und vielleicht auch nicht von einem Spieler selbst, der sich dadurch unweigerlich auch in das Schussfeld seiner Mannschaftskollegen stellen muss — Kapitän hin oder her. Auch ein Trainer dürfte nach meinem Empfinden mal den gutmütig väterlichen Schutzinstinkt unterdrücken und ein bewusstes Zeichen nach außen setzen, wenn es die Situation erfordert. So hat man über Monate den eingeschlichenen Schlendrian gewähren lassen.

Nun stehen mit dieser Mannschaft noch zwei oder gegebenenfalls vier Spiele in dieser Saison an, in denen die Entwicklungsrichtung — oder sollen wir es Schicksal ennen — unseres Vereins möglicherweise auf die Sicht mehrerer Jahre vorbestimmt werden könnte. Es bleibt inständig zu hoffen, dass das gegenwärtige Fiasko unabhängig von der unausweichlich bevorstehende Tod-oder-Gladiolen-Entscheidung gröbste Furchen durch den Ronhof ziehen wird. Der Bedarf eines reinigenden Gewitters war noch nie so groß, wie es aktuell der Fall ist. Man fühlt sich unweigerlich an die vorletzte Saison erinnert, an das Spruchband auf dem Vereinsgelände: „Nichts erreicht, nur verhindert!“. Mittlerweile muss man beide Teile in Frage stellen: Nichts erreicht, aber auch etwas verhindert?

Was Marco Caligiuri mit seiner Aussage anreißt, ist bei weiterführender Überlegung nämlich auch nur eine von vielen Ausprägungen, an denen der schleichende Untergang der Spielvereinigung dokumentiert ist. Egal wohin man zur Zeit sieht — das heile Bild der Fürther Fußballwelt bröckelt in einem äußerst bedenklichen Ausmaß. Keine der beiden wichtigsten Perspektivteams aus dem Nachwuchsleistungszentrum konnte in der Bundesliga gehalten werden, eine ambitionslos dahindümpelnde zweite Mannschaft, eine notdürftig Risse kittende Führungsriege. Last but not least, ein verbissen definiertes Ausbildungsverein-Ideal, das im stetigen Kampf gegen die progressivere Mittelstandskonkurrenz immer mehr der kurzfristigen Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit weichen muss. So viele Baustellen kann man auch im langen Schatten einer neuerrichteten, prunkvollen Haupttribüne nicht mehr verstecken.

Ich bin offen gestanden mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem mir die wiederkehrenden saft- wie auch leblosen Darbietungen der aktuell beim Kleeblatt angestellten Profifußballer nicht mal mehr die Zornesröte ins Gesicht treiben können. Angesichts des ganzen Herzbluts, angesichts der ganzen Zeit und Opfer, die man bereits seit Jahrzenten in seinen Herzensverein investiert, schmerzt die gewonnene Erkenntnis: Ich fühle nur noch Resignation. Nur noch ungläubiges Kopfschütteln. Die Zuversicht ist gebrochen, die Enttäuschungen nagen.
Wo viele Heimspiele die während der desaströsen Vorrunde verlorene Hoffnung peu à peu wieder aufkeimen lassen konnten, hat ein einziger Auftritt diese empfindsame Flamme mit dem Nachdruck eines Orkans auszulöschen gewusst. Die Überzeugung, dass man am Ende ein blaues Auge davontragen wird und schon irgendwie abermals alles gut ausgehen wird — weggeblasen.
Trotz der ganzen Schlaumeierei der inneren Stimme der Vernunft hinsichtlich „noch alle Möglichkeiten haben“ oder etwaiger wirtschaftlicher Schäden: Würde mir zum heutigen Stand jemand garantieren, dass eine runderneuerte Kleeblatt-Elf in der dritten Liga wieder über neunzig Minuten den Eindruck ausstrahlen würde, Spiele um jeden Preis gewinnen zu wollen — ich würde es auf der Stelle mit Vorfreude unterschreiben. Es ist genau diese Mentalität, die ich in den letzten Jahren so schmerzlich vermisse. Ich erwarte keinen Zauberfußball oder ein Gros gewonnener Spiele. Aber ein Mindestmaß mitreißender Leidenschaft darf es dann doch sein. Auch von Spielern, die in der Spielvereinigung nicht mehr als eine Durchgangsstation auf dem Weg zu höheren Ambitionen sehen. Hätte man Janos Radoki und seinen Auffassungen vom Fußball im Allgemeinen und seiner Spielvereinigung im Speziellen nicht mutmaßlich doch ein wenig mehr Beachtung schenken sollen?

Die Vorstellung, welche Konsequenzen ein Abstieg haben könnte, kommt einem Albtraum gleich. Die langjährige, relativ erfolgreiche Arbeit torpediert von einer ganz schwachen, schläfrigen Episode beinahe lächerlicher Länge. Die dritte Liga, es käme nicht nur finanziell einem Ritt auf der Rasierklinge gleich. Sicherlich, die dritte Liga kann in Verbindung mit einem Neustart auf allen Ebenen eine teure und nervenaufreibende Investition in eine möglicherweise wieder erfolgreichere Zukunft sein. Sollte es dann endgültig so kommen, muss man es wohl als Chance verstehen. Aber kann und will man sich darauf wirklich verlassen?

Allen, die nun intervenieren möchten, sei gesagt: Nein, wir sollten sicher nicht aufgeben. Das möchte ich damit nicht vermitteln. Die restlichen beiden Spiele geben die Möglichkeit, die große Katastrophe abzuwenden. Ich werde selbstverständlich meinen Teil dazu beitragen, wie gewohnt im Block. Wir müssen, auch wenn die Lust darauf zumindest bei mir immer stärker abnimmt, noch zwei- beziehungsweise viermal in Vorleistung gehen und hoffen, dass man es uns zurückzahlen wird. Erwarten wir die 110%-Einstellung von der Mannschaft, muss man besonders in den beiden nächsten Spielen auf den Rängen mit bestem Beispiel vorangehen.

So attraktiv die Vorstellung eines Kleeblatt-Neustarts im Abenteuerland Liga Drei unter gewissen Umständen erscheinen mag, sagt die Ratio dann dennoch: Das, was viele Leute für die Spielvereinigung geleistet haben, darf nicht leichtfertig auf’s Spiel gesetzt werden. Vielleicht wäre das auch mal ein neuer Ansatz, um es den Profifußballern verständlich zu machen. Pathos verstehen sie ja zumeist.

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