Farewell Schröcki.

Grüß‘ dich Stephan,

mittlerweile sind doch schon einige Wochen vergangen, seit du schlussendlich auch nach offizieller Lesart nicht mehr maßgeblicher Teil der Spielvereinigung bist. Die Saison ist für das Kleeblatt in der Zwischenzeit beendet und abgesehen von den umtriebigen Managern genießt ein Großteil der Fußballwelt die verdiente Sommerpause. Nun fragst du dich vielleicht, warum du diesen Brief von mir erhältst. Nun ja, in mir reifte seit dem vergangenen Saisonausklang gegen den FC Union die Erkenntnis, zur Auf- und Verarbeitung gerne noch ein paar abschließende Zeilen an dich richten zu wollen. As easy as that. Hinter so viele gemeinsame Jahre setzt man nicht flugs einen Haken, wenn sie ein solch unbefriedigendes Ende finden.

Ich kann leider nicht einschätzen, wie es in deinen jungen Jahren um deine Eigenschaften als Anhänger eines gewissen Herzvereins bestellt war. Möglicherweise warst du selber hin und wieder mit einem Schal oder einem Trikot dekoriert in einem Stadion unterwegs, um deinen Idolen aus nächster Nähe beim Spielen zusehen zu können. Wohin fährt man von Schweinfurt aus denn so? Nach München vielleicht? Frankfurt? Na, Hauptsache nicht nach Mordor, was?
Möglicherweise gehörst du aber auch eher zu der Kategorie Fußballinteressierter, die Spiele lieber in Ruhe am Fernsehgerät verfolgen. Oder eben vielleicht auch gar nicht so sehr an diesem einen speziellen Verein hängen. Oder hingen. Naja, du weißt schon.

Ich gehöre jedenfalls zu der Kategorie der Stadiongänger. So ziemlich jedes Heimspiel seit dem Zweitligaaufstieg und eine Reihe von Auswärtsspielen habe ich besucht. Warum man das auf sich nimmt, jedes einzelne oder zumindest zweite Wochenende, wird man dann gerne mal von Arbeitskollegen oder Verwandten gefragt. Nun, was soll man da schon antworten, so pathosbefreit es die Situation meist erfordern mag? Something along these lines: Um Leute wie dich, Schröcki, spielen sehen zu können. Für meinen, für unseren Verein spielen sehen zu können. Spieler, die es über das Sprungbrett der Nachwuchsmannschaften in die Profimannschaft schaffen, um dort als Identitätsstifter die Herzen der Anhängerschaft im Sturm – oder manchmal eben auch in der Abwehr – zu erobern. Spieler, denen man anmerkt und ansieht, dass Ihnen das Wohlergehen ihres Vereins etwas bedeutet, dass sie eben nicht den postmodernen Nomadismus des kurzangebundenen Angestelltenverhältnisses auf dem ständigen Sprung leben wollen. Das ist jetzt in seiner Gesamtheit natürlich alles andere als eine neue Erkenntnis, jedoch sollte man sich diesen Fakt vielleicht an dieser Stelle nochmal kurz ins Gedächtnis rufen.

Gedankensprung: Dein erster Abgang war damals etwas, nun ja … – undurchsichtig, würde ich es mal vorsichtig nennen wollen. Der plötzliche Sinneswandel vom im Eifer des sportlichen Triumphfluges gewünschten Rentenvertrag hin zum unvermittelten Abgang zur zahlungskräftigen Bundesligakonkurrenz mutete seltsam an, war doch die Ligenzugehörigkeit als persönlicher Veränderungsgrund nicht mehr länger eine valide Hintertür. Und ließ sicherlich noch viele andere Schröcki-Fans überrumpelt zurück. Die zentrale Figur des Kleeblatts war plötzlich weg. Die gebündelte Symbiose aus dem schelmisch liebenswerten Klassenclown und dem sportlich unverzichtbaren Schwungrad. Unvermittelt, fragenaufwerfend, vordergründig inkonsequent. Die Figur, von der man den Anschein gewonnen hatte, dass sie zwischen all den wechselwilligen, karriereplangehetzten Kollegen für viele weitere Jahre zum Fixstern im kleinen Kleeblattkosmos werden könnte. Unser Schröcki. Der erst mit wilden Kreiseln die Gegner narrte, um später auf dem Zaun der Nordtribüne einen Gassenhauer anstimmen zu können. Das Kleeblatt im Stich gelassen, so kurz nach dem lange unmöglich erschienenen Ereignis. Im Stich gelassen, so kurz vor dem größten Abenteuerjahr seit mehreren Jahrzehnten.
Ich weiß nicht, ob du nachvollziehen kannst, wie es sich anfühlt, wenn ein persönlicher Liebling die eigene Zuneigung nicht länger, symbolisch gesprochen, erwidern möchte. Das hat – Achtung, Philosophie – doch charakteristische Merkmale vom Liebeskummer. Und dass der fies sein kann, ist dir bestimmt auch nicht verborgen geblieben.

Die zwischenzeitlichen Trennungsschmerzen schienen dann spätestens nach deiner Rückkehr aus Frankfurt vergessen zu sein. Der verlorene Sohn ist zurück! Eigentlich fast noch überraschender zurück, als er damals plötzlich weg war. Und diesmal, so schien es, kam schließlich und endgültig wieder das zusammen, was zusammengehörte. Ein gereifter Schröcki, der in der ambitionierten Ferne seine persönliche Verwirklichung nicht finden können sollte, erinnert sich an seine alten Weggefährten und kehrt als designierter Anführer zurück, um in seinen eigenen Fußstapfen einen Weg fortzusetzen, der jäh einer Unterbrechung ausgesetzt wurde. Der dem Verein später erhalten geblieben wäre, um sein Verständnis für den Verein und die Leute gewinnbringend einzusetzen. Soviel zumindest zum hoffnungslos fußballromantischen Betrachtungswinkel.

Die Wiedereingliederungsmaßnahme verlief dann schleppend, weil mit überwiegend reduzierten Arbeitszeiten. Ein Trainer, der zunächst ohne unmittelbar ersichtliche Gründe auf andere Spieler setzte. Schnell waren Erklärungsansätze herbeigezogen worden, die insbesondere vermeintliche Fitness- und Verletzungsproblematiken oder ein unpassendes Spielsystem als Argumente ins Feld führten. Später machten dann – der Verlauf der Rückkehr zeigte keine Änderungen, der Thronfolger versauerte noch immer auf hartem Gebälk – anders gelagerte Bulletins die mediale Runde. Das hartnäckigste darunter: Schröcki hat die Rolle des schnöden Außenverteidigers satt und möchte fortan nicht nur ausschließlich als zentrale Offensivkraft angesehen, sondern eben auch als solche aufgestellt werden. Eine Erpressung, die sich wohlgemerkt kein Trainer gefallen lassen könnte. Starallüren schienen geboren.
Auch die kühnsten Optimisten können es ein Kalenderjahr später dann nicht mehr wegdiskutieren: Schröcki ist für die Spielvereinigung zu einer preisintensiven Last geworden, eine gemeinsame Zukunft war nicht in Aussicht. Das Tischtuch zwischen Spieler und sportlicher Leitung ward bereits entzweit. Und die Spielvereinigung um ein fanpolitisches Pulverfass reicher. Der Kicker brachte es später mit folgenden, nüchternen Worten auf den Punkt:

„Die SpVgg Greuther Fürth und ihr Eigengewächs Stephan Schröck haben nicht mehr zusammengefunden.“

Stephan, glaub‘ mir eine Sache: Ich kann nachvollziehen, dass du deinen laufenden, wahrscheinlich im Vergleich zu einigen deiner alten Mannschaftskameraden gut dotierten, Vertrag nicht mir nichts, dir nichts auflösen wolltest. Jeder muss heutzutage sehen, wo er bleibt. Und sind wir uns doch mal ehrlich – auch wir, gelegentlich die höchstmögliche Moralinstanz mimenden Fans würden uns in einer vergleichbaren Situation zum allergrößten Teil nicht anders verhalten. Vertrag ist Vertrag. Und was dort festgehalten wurde, ist dein legitimer Anspruch. Der Umbruch nach der Profikarriere kann holprig ausfallen und auch einem Profifußballer reicht die Riesterrente alleine unter dem Strich nicht aus. Glaube ich.

Unter dem Strich bleibt, da beißt die Maus keinen Faden ab, trotzdem ein schaler Nachgeschmack. Ich bin wirklich enttäuscht. Du wurdest auf das Ende deiner nun zweiten Amtszeit zugehend nicht müde zu betonen, dass du ein echter Fädder wärst. Ein Fan auf dem Feld gar. Das konnte man sehr gut gestreut auf den gängigen Fankanälen unmöglich übersehen.
Aber, Stephan, erlaube mir bitte zu fragen:
Wie passt das denn nun zu den öffentlich kolportierten Positionswünschen, mit denen sich die Trainer nach deiner Rückkehr konfrontiert sahen? Für etwaige, vorgeschobene Begründungen, die andere Zerwürfnisse übertünchen sollten, erscheint mir dieser Vorwurf jedenfalls deutlich zu begründet und nachdrücklich kommuniziert. Die Meldungen der örtlichen Presse waren in dieser Hinsicht durchaus auffallend kongruent zueinander.
Weißt du, ich bezeichne mich zufälligerweise auch als echten Fürther. Lass dir eins gesagt sein: Mir persönlich wäre es sowas von komplett egal, auf welcher Position ich spielen sollte, solange ich mit unserem Trikot, mit unserem Kleeblatt auf der Brust auflaufen dürfte. Um Punkte kämpfen, die Freunde rund um den Verein glücklich machen könnte. Einem echten Fürther muss das doch eine Ehre sein, eine Selbstverständlichkeit darstellen. Ich meine – Herrgott bitte, cut the crap! Müsste man nicht, wenn man denn ein echter Fürther wäre und diesen kleinen Verein in seinem Herzen stets mit sich trüge, auf persönliche Empfindsamkeiten, auf persönliche Eitelkeiten scheißen, sein Ego, seine Streitigkeiten mit anderen hintenanstellen und alles über das Wohl der Gruppe, über das Wohl all seiner Freunde und Kollegen stellen? Natürlich kann kein Außenstehender im Detail beurteilen, wie sich die Verhältnisse konkret darstellten und kann folglich auch nicht entscheiden, wem der schwarze Peter genau zuzuschieben ist. Doch: Ich bin überzeugt davon, dass es für dich jederzeit und trotz aller möglichen Diskrepanzen stets einen Weg zur individuellen Rehabilitation hätte geben können. Aber das, so interpretiere ich das Bild der gedanklich zusammengefügten, bekannten Puzzlestücke, wolltest du überhaupt nicht mehr. Ab einem gewissen Punkt ging es um das Prinzip, um den gekränkten Stolz und um vorherrschende Starrköpfigkeit. Und nur noch nachgelagert um unseren Verein, der dir vieles erst ermöglichte.

Und auch das Nachkarten im sozialen Buschfunk kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Gerne bekam dort insbesondere der Präsident Hack, als vermeintlicher „Sonnengott“ tituliert, sein Fett weg. Stets mit dem durchklingenden Tenor „Ich würde ja total gerne, hätte man mich gelassen“. Eine sozialmediale Retourkutsche, angetrieben von den Zugpferden des noch immer vorhandenen Standings bei vielen Fans sowie deiner selbstvermarktungsnahen „Echte Liebe“-Folklore, die auch dem BVB schon niemand so richtig abnehmen mochte und für breitgefächerte Glaubwürdigkeit ein wenig spät kommuniziert wurde. Und damit machst du es dir am Ende halt einfach, ist es doch der Weg des geringsten Widerstandes. Die Fehler begingen selbstverständlich erscheinend die Anderen, selber ist man sich keines Fehlverhaltens bewusst. Keine relativierende Einordnung. Das Ansehen der Anhänger leidet nicht, man bleibt für den Großteil der Leute das unschuldige Opfer verfehlter Personalpolitik der Obrigkeiten. – Jetzt mal kurz unter uns: Ich denke wir wissen beide, dass dem nicht so war und auch nicht so sein konnte. Zu so einer Geschichte gehören immer zwei Parteien.
Ist dieses Verhalten am Ende etwa eine Form von fehlgeleiteter Selbstreflexion? Musste irgendwie ein Ventil gefunden werden, ein Ziel für die Spickerscheibe, an dem sich der Frust über die sich schlussendlich dargestellte Situation entladen konnte? Ich weiß es nicht, aber in einer Sache bin ich mir sicher. Und wenn ich meine Depesche an dieser Stelle auf eine einfache Botschaft reduzieren sollte, dann wäre es diese: Hättest du dein Ego und dein verbissenes Streben nach Status ein wenig zurückstellen können, wäre es nie zu dieser Konfliktkonstellation, die ins sportliche Abseits führte, gekommen. Und das nehme ich dir tatsächlich auch etwas übel. Einfach, weil es so wahnsinnig unnötig war.

Der kurzfristige Leihtransfer auf die Philippinen war sicher angesichts der Wurzeln deiner Familie eine sinnvolle Sache. Dass dir etwas an deinen Landsleuten und deren Heimat liegt, zeigten schlussendlich auch die regelmäßig aufgenommenen Reisestrapazen zu Länderspielen im tiefsten Fernost während deiner ersten Fürther Amtszeit. Ein Fakt, dem in meinen Augen viele Kritiker überhaupt keine Beachtung schenkten, die in der Leihe einen Affront gegenüber einem verdienten Spieler sahen. Ohne ein Experte für Transfergeschäfte zu sein, bin ich mir relativ sicher, dass ein Spieler schließlich nicht gegen seinen freien Willen irgendwo hin in die Pampa verliehen werden kann. Und außerdem: Was hätte die Spielvereinigung denn von einer regelrechten Zwangsversetzung auf die Inselgruppe gehabt? Recht wenig, würde ich behaupten. But anyways.
Was man so lesen konnte, ist das Engagement auf den Inseln schlussendlich nicht nur für den persönlichen Bekanntheitsgrad, sondern auch für das Wohl der Familie zuträglich. Aber bei aller Liebe konnte man ja wohl kaum so naiv sein, um den zum Bundesligakalender asynchronen Wechsel in eine sportlich unbedeutende Liga nicht als Sargnagel für die eigene Profikarriere zu deuten. Bevor wir uns missverstehen: Wenn die Philippinen dein großes Ziel auf dem Weg zur Selbstverwirklichung waren, ist dein Schritt ein äußerst respektabler und konsequenter. Einzig die zwischen den Zeilen deutlich gewordene Empörung über deine Ausbootung im Zuge der Rückkehr und der nachfolgenden Versetzung zur zweiten Mannschaft passt da so gar nicht ins Bild.
Der Vertrag mit der Spielvereinigung ist mittlerweile gelöst – wenig überraschend passierte das dann knapp eine Woche vor Beginn des Transferfensters auf den Philippinen, wohin dich dein Weg nun abermals führt. Soviel zum angeprangerten Zwang.

Am Ende sind die Parallelen zwischen den beiden Stationen Fürth und Bacolod City bei genauerem Hinsehen schon mehr als deutlich. Bei beiden hattest du eine besondere Stellung inne, warst Publikumsliebling und Leistungsträger. Die Anhänger lagen dir zu Füßen, weil du das verkörperst, was die Leute anspricht. Und wahrscheinlich auch ein bisschen das verkörperst, was von Anhängern sämtlicher Hemisphären herbeigesehnt wird. Bei beiden gibt es eine Rückkehr nach einer zwischenzeitlichen Abstinenz. Der einzige, aber wesentliche Unterschied ist, dass du in einer sportlich überschaubaren Liga als ehemaliger Bundesligaspieler quasi automatisch ein derartiges Ansehen genießen wirst, dass dir nicht nur die Fans, sondern wohl auch die Verantwortlichen des Vereins jeden Wunsch von den Lippen ablesen werden wollen. Bereitwillig.
Und nun abschließend, frei von jeglicher Absicht des Nachkartens oder any hard feelings, etwas vom Herzen: Ich wünsche dir, dass die zweite große Rückkehr deiner Karriere runder verläuft. Dass du dort beruflich wie auch privat genau das findest, was du dir vorgestellt hast. Dass du aus deinen Fürther Zeiten vielleicht auch eine Sache oder zwei gelernt hast – und ganz besonders, dass du diese Zeiten nicht vergisst und deine Erinnerung nicht von negativen Eindrücken dominiert wird.
Dankeschön, Stephan, für all die schönen Momente, die wir teilen durften. Dankeschön für 14 Jahre mit 225 Liga- und vielen weiteren Pflichtspielen im weiß-grünen Trikot. Für annähernd fünfzig Scorerpunkte.
Schlussendlich, auch egal aus welchen Gründen: Schade, dass es so zu Ende gehen musste.

Farewell and take care, Schrocky!

Dominik


Party. (© Sportfoto Zink / JüRa)

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