Infusion.

33 Minuten sind gespielt und ich habe endgültig meine Betriebstemperatur erreicht. Oder in Fußballersprache, Interviewvokabular: Ich bin erst Mitte der ersten Halbzeit richtig ins Spiel gekommen. Der Schiedsrichter treibt mich mit seiner auf die Karlsruher Zerstörungstaktik hereinfallende (Schlangen-)Linie zusehends zur Weißglut. Rückblende: Noch rund zwei Tage vor diesem Moment habe ich verlauten lassen, dass ich eigentlich noch überhaupt nicht in der vorfreudigen Saisonstartstimmung sei, die den durchschnittlichen Anhänger zum vergleichbaren Zeitpunkt wohl ausmacht. Und das war nicht gelogen. Man hat zwar sehr interessiert die Bastelarbeiten während der Saisonpause und auch das ein oder andere Testspiel verfolgt, aber die große Lust wollte sich trotzdem nicht so richtig einstellen. Wahrscheinlich ist das nach einer enttäuschenden Saison ein bisschen wie nach einer Trennung. Man hat Angst davor, sich neu zu verlieben, weil man ja wieder enttäuscht werden könnte. Also blockt man diesen Gefühlszustand zunächst vorsorglich. – Ja, irgendwie liegt die vermurkste Vorsaison auch vier Wochen später noch ein wenig im Magen, beim Gedanken an Fußball. Aber kurz nachdem sich die aufgebrachten Gemüter aufgrund der letzten Verfehlung des Unparteiischen wieder beruhigt hatten, spüre ich, wie die Saison für mich begonnen hat. Emotionen, Mitfiebern, Aufregung, Hoffnung, Freude und Spaß in ständig wechselnden Verhältnissen. Gott, Fußball, ich habe dich vermisst. – Nein anders: Kleeblatt, ich habe dich vermisst!

Jubeltraube.
Torjubel, Jubeltraube. (Foto: Sportfoto Zink / WoZi)

Mit Sicherheit spielt das Geschehen auf dem Feld eine wesentliche Rolle für meinen motivationalen Umschwung. Von Fürther Seite darf man eine Spielfreude konstatieren, die man am Laubenweg in dieser Form länger nicht mehr bestaunen durfte. Wie weggeblasen schienen in einigen Ausschnitten die tonnenschweren Felsbrocken, die noch vor wenigen Wochen die Mannschaft zu lähmen schienen. Die Mannschaft, die bis auf 4 Neuzugänge in der Startelf ja schlussendlich auch in weiten Teilen der Vorsaison auf dem Feld stand und mit (oder trotz) einer Vielzahl von Gruselkicks sowie einer gehörigen Portion Glück die Klasse hielt. – Vom Anpfiff weg konnte man eine Überzeugung erkennen. Das Vorhaben, dieses Spiel gewinnen zu wollen. Und auch zu können – Vertrauen in die eigene Stärke. Entgegen vieler ängstlicher, verschanzender Auftritte unter dem Taktiknovizen Büskens, in denen man gefühlt nie genügend Spieler finden konnte, um notdürftig und hilflos das eigene Tor zu verriegeln. Entgegen vieler verklausulierter Auftritte unter Theorieweltmeister Kramer, in denen man Angriffe gerne mit NBA-esquen Alley Oop-Pässen versah und erst nach dem zweiundvierzigsten Pass auf das Tor schießen zu dürfen schien. Es wurde deutlich, dass die Mannschaft Bock hatte. Ihr gelang nicht alles, hier und da fehlte die letzte Präzision und etwas der letzte Punch im „letzten Angriffsdrittel“. Und so ein bisschen war wohl auch der nun ebenfalls relegationserfahrene Gast von diesem Umstand überrascht. Zumindest fiel denen über die Dauer des Spiels wahnsinnig wenig ein, um die neu formierten Kleeblätter auszuspielen.

Die vier Neuen haben sich gegen den KSC weitestgehend nahtlos eingefügt. Andreas Hofmann gelang in meinen Augen das stärkste Debüt. Mit hohem Laufpensum, Entschlossenheit und Übersicht gelang es ihm viele Angriffe zu stoppen, Bälle zu erobern und sich deutlich kompetenter in den Spielaufbau einzuschalten, als dies Stephan Fürstner im Mittel letzte Saison gelang. Knapp dahinter folgt Jurgen Gjasula, der viele Aktionen hatte, den Ball forderte und an den meisten Toraktionen beteiligt war. Bindeglied und Ideengeber, leider gelang ihm besonders im zweiten Spieldurchgang nicht mehr alles. Veton Berisha wirkte noch nicht hundertprozentig in das offensive Kombinationsspiel eingebunden, überzeugte mich aber mit aggresivem Pressingverhalten und Einsatzfreude – es gab keinen Ball, den er aufgab. Sebastian Mielitz im Tor wurde vom KSC überraschend wenig gefordert, agierte in meinen Augen bei ein, zwei Situationen zögerlich und etwas unsicher beim Herauslaufen. Benötigt noch mehr Abstimmung mit seiner Viererkette und könnte etwas mehr Ausstrahlung verkörpern.

Ein weiterer Neuer feierte an der Seitenlinie seinen Einstand: Trainer Ruthenbeck, der von mir liebevoll auf den Spitznamen Rudi getauft wurde. Selten konnte ich beim Amtantritt eines Trainers eindeutiger eine Handschrift erkennen. Das Team wirkte wie nach einer Frischzellenkur, agierte im geschlossenen Kollektiv nach einer klaren Marschroute. Pressing, Kombinationen, Spielfreude. Und abgesehen vom Auftreten der elf weiß-grün Gekleideten habe ich den Eindruck, dass Rudi Ruthenbeck aufgrund seiner Art als bodenständiger, aber auch emotinaler Coach gut zum Verein und den Leuten passt. Im Grund erscheint er mir eine Mischung aus den beiden Vorgängern zu sein, so ein bisschen best of both worlds wenn man so möchte. Die Jubeleinlage vor der Nordtribüne nach dem Spiel lässt mich jedenfalls darauf schließen, dass die Anhängerschaft den neuen Übungsleiter bei entsprechend korrelierenden Saisonverlauf schnell ins Herz schließen wird. Es gäbe da ein Spiel, das sich besonders für den Zugewinn von weiteren Sympathiepunkten anbieten würde …

Ja, das Spiel und insbesondere das Auftreten hat mal wieder richtig Spaß gemacht, für eine Grundzufriedenheit der strapazierten Fanseele gesorgt. Nach längeren Durststrecken scheint nun wieder der sportlich richtige Weg eingeschlagen worden zu sein. Ich hoffe, dass es weiterhin gelingt diese Entwicklung voranzutreiben. Sicherlich wird es auch Rückschläge geben, man kann nicht voraussetzen, dass es immer so gut und glücklich läuft. Marco Stiepermann diktierte der Presse wochentags etwas über Demut in die Notizbücher. Die wird nötig sein, es sollte für eine realistische, bodenständige Grundhaltung gesorgt werden. Aber der Auftakt hat einen soliden Grundstein gelegt: Selbstvertrauen für das Team, Schulterschluss mit den Fans, Zeichen an die Konkurrenz. Das Kleeblatt ist wieder da, so schallte es nach dem Spiel durch den Block. Ja, das Kleeblatt ist zumindest in die richtige Richtung unterwegs, da bin ich mir relativ sicher. Der Appetit auf die Saison wurde wohl nicht nur bei mir geweckt, jetzt darf man gespannt sein, wie sich das Kleeblatt in den kommenden drei aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen präsentieren wird. Leipzig wird sich diesmal zumindest auf einen anderen Gast einstellen dürfen, als zum letzten Saisonspiel vor wenigen Wochen.

💪🏼#great #win #today @benro_219 @gjizzii_10 @niko_g7

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Zum Abschluss sei noch allen Anhängern gedankt, die sich auch als nicht Organisierte an der „Alle in Weiß“-Aktion beteiligt haben und die Tribünen des Ronhofs hell erstrahlen ließen. Egal ob auf der Nord, auf der Gegengerade oder sonst wo im Stadion. Es hat ein tolles Bild abgegeben und eine Geschlossenheit vermittelt, die man in dieser Form in der restlichen Saison weiterleben sollte.

Gemeinsam nur nach vorne!

Weitere Bilder zum Spiel gibt es, wie immer, auf spvgg-fuerth.com.

Ein Gedanke zu “Infusion.”

  1. Wie unterschiedlich Eigen- und Fremdwahrnehmung doch sein können. Ich habe dich nämlich ganz anders wahrgenommen, zumindest in den letzten 3 Wochen bis Saisonstart. Hibbelig hast du die Testspiele verfolgt, dich über jeden Transfer gefreut und warst – im Gegensatz zu mir – heiß auf die Saison.

    Die Liebe zu deinem Kleeblatt war nicht zu Ende, sie war nur ein bisschen verschüttet aufgrund der letzten Saison. Deshalb hoffe ich, dass ihr dieses Mal keine so grauenhaft Saison abliefert, was bei meinem eigenen Verein ja nie so ganz sicher ist. Und vielleicht enthüllst du dann ja auch den vollen Spitznamen von Rudi ;)

    Auf eine erfolgreiche Saison, mein Lieblingskleeblatt!

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