Eine kultige Parallele. Oder: Ein Kasper am Rosenmontag.

Die Entwicklung der letzten Wochen machte aus dem Auswärtsspiel beim magischen FC Sankt Pauli wohl das, was man vor der Saison eigentlich nicht erwarten sollte: Eine Art Vorentscheidung, ob man über die Dauer der restlichen Spielzeit paranoid auf die drängelnden Verfolger im Rückspiegel blicken muss, oder ob man in einigermaßen ruhigen Fahrgewässern durch das Niemandsland der Liga schippern kann. Der Ihr-Habt-Schon-Seit-So-Unglaublich-Vielen-Minuten-Kein-Tor-Mehr-Geschossen-Wecker näherte sich allmählich einer vierstelligen Anzeige – zumindest so gefühlt. Drölfzig hundert Minuten waren es glaube ich, genau sagen kann ich es nicht. Wo ist denn die Esther, wenn man sie mal braucht? Wegen ihrem Fachwissen natürlich, ist klar. Naja, sei’s drum. Der letzte dreifache Punktgewinn liegt zumindest in grauer Vorzeit. Fast schon Steinzeit. (Auf der Tribüne soll ja seinerzeit der eine oder andere Dinosaurier gesichtet worden sein. Oder ist Eddy auswärts nicht dabei?) 0:1 beim anderen Kultverein der Liga, dem FC Union. Im Oktober. Torschütze damals Kacper Przybyłko. Kurzum: Man war dazu verdammt, mal wieder zu liefern. Auch für den in die Schusslinie geratenen Trainer Franky McFly und die ungeduldig murrende Anhängerschaft, der nicht vermittelt werden kann, wie man sich nach dem Weil-Unentschieden-Jetzt-Doch-Nicht-Aufstieg der letzten Saison diesmal über den Klassenerhalt erfreuen soll.

Pyrobunker hinter EinlaufPyrobunkerDas Spiel hatte eigentlich alle Rahmenbedingungen für ein richtig tolles Spiel. Eine knackige Ausgangssituation, Flutlicht, ein volles Millerntor – und ein richtig geiles Pyro Intro auf dem Feldstraßen-Bunker hinter der Baustelle Nordtribüne! Stark, was die Hamburger Jungs und Mädels da abseits von Verbandsgerichtbarkeit fabriziert haben. Auf dem Feld entwickelte sich schnell das, was man wohl erwarten musste und mit einem Best-Of der Kramerschen Lieblingsworthülsen ungewohnt treffend zusammengefasst werden kann: Ein brutal intensiver Fight mit ganz vielen engen Szenen, in die man unglaublich viel investieren und alles reinknallen musste, um diese Situationen anzunehmen und auch mal das nötige Quäntchen Glück auf seiner Seite zu haben, um das Ding über die Linie zu drücken. Relativ schnell wurde dann auch klar, dass der junge Unparteiische dieser Herausforderung nicht im Geringsten gewachsen war. Aber Eier hatte er. Vermutlich die Eier, welche von einigen Profis unter der Woche gesucht wurden. Er nahm nämlich einen bereits gepfiffenen Elfmeter in Rücksprache mit seinem Assistenten zurück. Vorausgegangen war ein Handspiel von Mister Lufthoheit RöckAir. – „Ich habe jetzt Dr. Markus Merk in der Leitung. Markus, richtige Entscheidung von der Pfeife an der Pfeife?“ – „Ja, glasklarer Elfmeter! Die Hand hat dort natürlich absolut nichts zu suchen. Unnatürliche Handbewegung, Strafstoß.“. – Eines ist sicher: Jeder Sankt Pauli Anhänger hätte diese Diagnose unterschrieben. Fortgesetzt wurde das Spiel dann mit einem Eckball. Sicherlich der Knackpunkt im Spiel. Das Ende vom Lied: Die SpVgg geht kurz darauf nach einem Standard durch Kacper P. in Führung. Eine wahrlich kultige Parallele.

Das Spiel verläuft ab diesem Zeitpunkt aus weiß-grüner Sicht etwas passiver. Man überlässt den offensiv über weite Strecken ebenfalls uninspirierten Kiezkickern mehr Spielanteile, verteidigt aber konsequent und stellenweise robust, manchmal glücklich, die Führung. Das Hamburger Publikum schießt sich, befeuert auch von dem erzürnt an der Seitenlinie tobenden Ewald Lienen, zunehmend auf den jungen Schiedsrichter ein, bis dieser in der Schlussphase mit Hoyzer-Sprechchören bedacht wird. Nun, ich kann den Frust verstehen. Und irgendwo schwingt da sicher auch eine Projektion der gesammelten Verzweiflung der zurückliegenden Wochen mit, die sich an einer „neutralen“ Stelle entladen muss. Man muss aber auch sagen, dass es auf beiden Seiten geschundene Freistöße, fragwürdige Zweikampfbewertungen gab und dem Kleeblatt ein astreines Tor wegen vermeintlicher Abseitsstellung abgepfiffen wurde. Ja, das kann man als Sieger – die SpVgg kann schlussendlich das 0:1 über die Zeit retten – sicherlich leicht aufzeigen. Ausgenutzt wurde die Situation aber von beiden Teams in nicht so großartig unausgeglichenem Maße.

Ich hoffe, dass das Kleeblatt durch dieses Positiverlebnis wieder zurück in die Spur und vorallem zurück zu einer ansatzweise erkennbaren Form von Selbstvertrauen findet. Schließlich kann man auch in ruhigerem Gewässer noch fette Beute machen. Der nächste kultige Gegner ist der SV Sandhausen. Hoffentlich mit einem Führungstor vom Kacper. Auch, wenn dann nicht mehr Rosenmontag ist.

Mir tut es Leid, dass ausgerechnet in diesem Spiel der Knoten platzen musste (Kann man das angesichts eines mühevoll erzwungenen Null zu Eins überhaupt sagen?). Und überhaupt, dass sich unsere eigenen sportliche Situation ausgerechnet auf dieses Spiel zuspitzen musste. Und es tut mir Leid, dass es mir Leid tut. Mitleid braucht in so einer Situation nämlich keiner. Deswegen: Kämpfen, magischer FC! Aux armes!

FC St. Pauli


Stimmungsbild.

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Vorwärts, Kleeblatt!

 

4 Gedanken zu “Eine kultige Parallele. Oder: Ein Kasper am Rosenmontag.”

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