Mama, sind wir schon in der Krise? – Und jetzt?

Dienstag. Fußball. – Soweit ist das für mich nichts ungewönliches. Und als Anhänger eines Zweitligisten ja sowieso nicht; aber lassen wir das mal beiseite. Jede Woche trifft sich die Fußballgruppe meines Arbeitgebers zu einem lockeren Spielchen in der Halle. Keine besonderen Regeln, kein verbissener Wettkampf. Einfach ein bisschen kicken und Spaß haben. Der Geschäftsführer würde es wohl als Teambuilding Massnahme sehen, aber ich hab einfach Lust auf Fußball. Auf selber Fußball. Zu Hause lege ich also eilig meine Sportsachen raus, um gerade so rechtzeitig und auf den letzten Drücker an der Indoor Soccer Halle anzukommen. Gottverdammter Feierabendverkehr, gottverdammte Ampelschaltungen. Natürlich trage ich zum Spielen mein Kleeblatt-Trikot. Mit Stolz. Der neue Werksstudent, heute zum ersten Mal mit von der Partie, mustert mich mit einem verdutzten Gesichtsausdruck. Er merkt, dass ich seinen Blick gefangen habe: „Greuther Fürth?“ – „Klar.“. Er erwiedert nichts mehr, scheint aber irritiert. Spontan hat mich seine Reaktion dazu verleitet, ihn in die rot-schwarze Schublade zu packen. Von diesem Gedanken löse ich mich jedoch nach kurzem Überlegen wieder. Eher die Kategorie Bayern-Fan, der aus dem Kaff im fränkischen Randgebiet in die Stadt gezogen ist. Gleich unsympathisch jedenfalls. Sei’s drum – ab auf’s Feld.

Für mich will es heute nicht so richtig rund laufen. Dumme Fehlpässe, Stockfehler, geblockte Schüsse. Was einem eben so passiert als verhinderter, potentieller Weltfußballer. Ich muss dazu sagen – ich habe 13 Jahre Vereinsfußball hinter mir. Und ich bin noch topfit! Naja, vielleicht nicht ganz. Ja, ok – eigentlich überhaupt nicht. Aber Ballgefühl verlernt man eben nicht. Trotzdem: Irgendwie ist heute Sand im Getriebe. Und weil man als Fußballer ja gemeinhin abergläubisch ist, grübel ich zu diesem Zeitpunkt schon, ob das ein schlechtes Zeichen für das anstehende Pokalspiel sein könnte. Aber natürlich gibt es rational betrachtet da überhaupt keine Verbindung, wie auch!? Ich trage ja nur bei jedem Spiel die gleiche Boxershort (ja, sogar gewaschen) und habe vor’m Anpfiff ein festes Ritual.

Mit einem gegenseitigen Highfive zelebriert man das Ende der 60-minütigen Trainingseinheit, es fehlt eigentlich nur der Trikottausch. In der Kabine kurz routiniert mit dem Handy die Zwischenstände der früheren Pokalspiele gechecked. Nichts dabei, was mich vom Hocker reißt. Aber ich muss mich beeilen, der Anstoß naht. Ich will nichts verpassen, das würde mich tierisch nerven.

Ich komme zum Einlauf der Mannschaften vor dem heimischen Fernseher an. Schnell noch den Schal um’s Gewind binden. Die Fürther Mannschaft ist im Vergleich zum katastrophalen Auftritt gegen Frankfurt Bornheim unverändert aufgestellt. Ich bin kurz verwundert, aber in Anbetracht der Verletzungssituation auch nicht zu erstaunt. Zweite Chance nennt man das wohl. Das Kleeblatt kommt ganz gut in’s Spiel, hat sogar die erste Chance des Spiels, nachdem Stiepermann Pritsche am Strafraumeck freispielen kann. Dessen Schuss landet aber, bezeichnend für die bisherige Saison, irgendwo am oberen Ende des Fangzauns vor dem Gästeblock. Der FCK übernimmt relativ zügig das Ruder, wirkt insgesamt griffiger, aggressiver und allgemein heißer auf den Sieg – so war es kein Wunder, dass die Betze-Truppe nach guten 25 Minuten durch zwei geklonte Tore mit 0:2 in Führung gehen konnte. Die Fürther Defensive scheint weder der Abpfiff am Freitag, noch der Anpfiff 25 Minuten davor aufgeweckt zu haben. Stellungsfehler, Löcher – das volle Programm. Mit dem zweiten Gegentor platzt mir kurz die Hutschnur. Meine Jacke fliegt durch den Raum, begleitet von eindeutigen Worten – Gründe, warum ich bei jedem Wohnzimmer Viewing ein ungeeigneter Gast wäre. Eine Reaktion wollte man in diesem Spiel zeigen, etwas wiedergutmachen. Leere Floskeln, nichts davon ist zu sehen. Die erste Halbzeit ist leider Gottes das komplette Gegenteil. Leichte Ballverluste, lasches Zweikampfverhalten, fehlende Struktur in Offensive wie Defensive, miese Körpersprache, Verunsicherung.

Ich spüle die Gegentore mit einem großen Schluck aus meiner Wasserflasche runter und versinke mit dem Kopf auf meine Hand gestützt in den Sessel. Das kann einfach nicht sein. Wer sind diese elf Leute in der weiß-grünen Spielkleidung und wo haben sie mein Kleeblatt versteckt? Resignation. Das Spiel ist zu diesem Zeitpunkt zu 99 Prozent verloren, das war mir klar. Eine moralische Ausnahmeleistung war in der gegenwärtigen Situation zu unrealistisch. Und das Geschehen auf dem Feld unterstützte meine Einschätzung. Bereits kurz nach der 30. Minute scheint uns der Zahn gezogen zu sein. Gestikulieren, Hektik, Überforderung. Es müssen lange Bälle her, weil man sich aus dem Lauterer Pressing nicht spielerisch befreien kann. Frustration. Die Balance zwischen Verteidigung und Angriff ist nicht da, das Umschalten in beide Richtungen offenbart große Lücken. Nur Weilandt und mit Abstrichen Gießelmann können sich vereinzelt in Szene setzen, bleiben aber trotzdem nur bei dezenten Ansätzen. Die erste Halbzeit endet, aus dem Gästeblock ist „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ zu hören. Jain, ich verstehe den Gedanken dahinter, aber daran liegt es nicht. Die Mannschaft will in ihrer unterkühlten, kontrollierten Weise Fußball spielen, und ja, auch kämpfen – aber sie kann es im Moment nicht. Ich habe im ersten Spielabschnitt genau einen Torschuss gezählt. Mein Aberglaube meldet sich – irgendwas mit Sand im Getriebe. Meine Laune sinkt nahe an den Minusbereich, die mittlerweile leere Wasserflasche fliegt in die Ecke. Mir kommen die Worte von Frank Kramer bei den zurückliegenden Pressekonferenzen in den Kopf. Nach dem Braunschweig-Spiel wollte man mit „Wut im Bauch“ gegen den FSV antreten – Ergebnis bekannt. Mit dem Pokalspiel wollte man „eine Reaktion zeigen“ – Ergebnistendenz negativ. Ich verstehe es nicht, die Gemütslage pendelt irgendwo zwischen grenzenloser Hoffnung und aufkeimender Wut. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine fruchtbare Halbzeitansprache des Übungsleiters und ein kleines Wunder in Halbzeit zwei.

Diese sollte mit zwei ungewöhnlich früher Wechseln beginnen – ein klarer Zeichen, dass auch der sonst sehr geduldige Kramer so langsam die Nase voll hat. Zulj und Wurtz bekommen ihre Chance, sich zu beweisen. Und gerade ersterer gefällt mir tatsächlich sehr. Wirkt sofort präsent, fordert den Ball, gibt nichts verloren. In Folge dessen wirkt auch die zweite Halbzeit sofort besser. Wurtz wirft sich in jedes Kopfballduell, der danach eingewechselte Orkan Cinar traut sich auf dem rechten Flügel auch mal ein Dribbling zu. Wenigstens den Eindruck des Über-sich-ergehen-Lassens verschwindet während dieser Passagen des Spiels. Die Zeit verrinnt, die Stimmung schwankt zwischen Resignation und dem Hoffen auf einen Anschlusstreffer. Kann doch alles nicht sein. Das Kleeblatt rackert, aber was noch immer fehlt ist die Torgefahr, die Zielstrebigkeit und Präzision. Im Gegenteil, noch immer hat der FCK die deutlich besseren Gelegenheiten, unter anderem einen Pfostentreffer. – Es sollte am Ende dann auch bei dem 0:2 bleiben.

Gut, man könnte sagen „Was soll’s, ist ja nur der Pokal“, aber was mich noch viel mehr ärgert, als die Kohle, die verloren geht, ist die Tatsache, dass man es erneut nicht verstanden hat, es nicht umsetzen konnte, einmal ein Spiel wirklich anzunehmen. Dass die Leute wirklich den Eindruck haben, dass man um jeden Preis dieses Spiel gewinnen will. Und dass man davon überzeugt ist, dieses Spiel am Ende auch gewinnen zu werden. Sicherlich fehlen wichtige Spieler, aber wo ist das Vertrauen in die eigene Stärke? Was stimmt auf einmal mit der Truppe nicht mehr? – Ich habe nicht den Eindruck, dass es „nur“ eine Schwächephase ist. Irgendetwas Grundlegenderes scheint nicht zu passen. Kramer hat dem Kader zwar erneut auf Nachfrage einen einwandfreien, positiven Charakter attestiert, aber irgendwie … ich weiß es nicht. Es kommt mir komisch vor.

Für mich ist der Abend gelaufen. Leider falle ich Niederlagen betreffend zunehmend in alte Verhaltensmuster zurück. Die Bundesligasaison hat mich damals abgehärtet, mir hat eine Niederlage nicht mehr den kompletten Tag versaut. Man lernte es zu akzeptieren. Das fiel natürlich auch leichter, weil man genau wusste, dass die Mannschaft nicht konkurrenzfähig war und die gefährdete Versetzung frühzeitig zu erwarten war. Und genau das ist auch der Grund, warum es mich, trotz der noch relativ sicheren Tabellensituation, so wahnsinnig nervt, dass man im Moment so abstinkt: Weil ich genau weiß, dass diese Mannschaft so viel mehr zu Leisten im Stande ist. Immernoch. Auch, wenn die ersten Unkenrufer dem Kader jegliche Qualität absprechen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es für die Tabellenspitze qualitativ locker reichen kann. Und das sollte sich möglichst bald wieder einstellen, bevor ich meinen Mitmenschen wieder regelmäßig mit meiner Laune auf den Sack gehen muss.

Mir fallen gerade nur Durchhalteparolen ein. – Was bräuchte man? Vermutlich ein Positiverlebnis (höhö, Ironie des Schicksals), irgendeinen dreckigen, knappen Sieg. Eine glückliche 2:0 Führung, einen Elfmeter. Eigentlich alles, was einen ansatzweise wieder in die Spur bringt. Und das am Besten schon in Berlin, bei den Eisernen. Nicht im Olympiastadion. Aber hey – wer will schon den Pokal gewinnen? Am Freitag geht es um Punkte. Und die scheinen mir gerade besonders wichtig zu sein. Gerne darf dabei die unbekümmerte Offensive der zweiten Halbzeit antreten. Deren engagierter, wenngleich ebenfalls glückloser, Auftritt hat mir an diesem Abend zumindest ein klein wenig Freude bereitet.

Und egal, wo sich der Gastauftritt im breiten Leistungs- und Nichtleistungsspektrums des Kleeblatts dieser Saison einreihen wird: Auch nächste Woche werde ich stolzerfüllt mit meinem Kleeblatt-Trikot in der Halle zaubern.

Gemeinsam nur nach vorne!

(Ja, ich ändere meine übliche Signatur ab – Aberglaube. Aber das hatten wir schon.)

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