#28 || FC St. Pauli – SpVgg 2:2

Junge, Junge – was für ein Spiel. Ich weiß garnicht so richtig, womit ich anfangen soll. Wenn ich an die Partie zurückdenke, schießen mir unzählige Szenen in den Kopf, die sich nicht ordnen und in eine Struktur pressen lassen wollen. Anyways – gonna give it a try.


 

Rahmenbedingungen

Die Ausgangslage war klar. Die SpVgg trifft als Tabellenzweiter auswärts auf den FC St. Pauli. Die Hamburger sind ein direkter Verfolger, könnten mit einem Heimsieg noch einmal sehr nahe an die Aufstiegsplätze rücken. In Schlagdistanz, in Drei-Punkte-Distanz. Keine einfache Konstellation für ein Spiel am ausverkauften Millerntor. Ich denke, dass man – auch im Nachhinein betrachtet – getrost von einem dicken Prüfstein für die weiß-grünen Aufstiegshoffnungen sprechen kann. Auch das Wort Reifeprüfung kommt mir in den Sinn.

Freitagsspiele nerven

Nun, eigentlich ist es wie immer. Ich nehme mir zu Saisonbeginn felsenfest vor, auf jeden Fall / um jeden Preis / komme, was wolle mit nach Hamburg zu reisen. Meinen Verein unterstützen, das neue alte Millerntor unsicher machen (ist St. Pauli wirklich nur noch „eine Modemarke mit Totenkopf“?), den Auswärtssieg miterleben. Der Plan stand – zumindest bis mir die DFL ein dickes Kreuz in den Kalender malte: Freitagsspiel. Anstoß achtzehn Uhr dreißig. Verpflichtungen. Scheiße. Aber hey – Sky ist ja auch toll …

Einer fehlt

Kurz vor dem Spiel sehe ich die Aufstellungen. Mir fällt sofort auf, dass Stieber fehlt und Weilandt übernehmen soll. Aus Leistungsgründen? Kann ich mir nicht vorstellen, da – wie ich in meinem Beitrag zum Düsseldorf Spiel schon beschrieben habe – eben genau Stieber in unserer Mannschaft ein Spieler ist, der in engen Partien den Unterschied machen kann. Gewissheit bekomme ich kurz später. Stieber ist von einer Erkältung geschwächt. Die restliche Aufstellung, wie am Dienstagabend.

Auf der Hamburger Seite ebenfalls keine Überraschungen. Zumindest nicht nach meinem Wissen. Der Ex-Fürther Nöthe steht als eine der beiden Spitzen neben Verhoek in der Startelf.

Brosinskis doppelte Latte

Das Spiel geht los. Wo ich mit einer verhaltenen Anfangsphase mit gegenseitigem Abtasten und ruhigem Spielaufbau gerechnet hatte, blasen beide Teams sofort zum Angriff. St. Pauli bekommt die erste Ecke der Partie, welche von Broskinski am ersten Pfosten an die eigene Latte verlängert wird. Hesl wäre machtlos gewesen. Puh – erstmal durchatmen. Denkste! Die direkt anschließende Aktion endet nach sehenswerter Seitenverlagerung und Abschluss von Bronsinski ebenfalls an der Querstange. Wenig später rettet Rzatkowski einen Röcker Kopfball auf der eigenen Torlinie. Fetzen Auftakt für ein Spitzenspiel!

Die SpVgg ist gut im Spiel, übernimmt sofort Ball- und Spielkontrolle und schafft es mehrfach eigene Angriffe über mehrere Stationen nach vorne zu tragen. Die Heimmannschaft mit Pressing an der Mittellinie, aber leicht defensiveren Grundausrichtung. Vorallem die beiden Flügel der SpVgg funktionieren in der Anfangsphase gut. Gießelmann über die linke und Brosinski über der rechte Seite schaffen es mehrfach ihren Flügel zu überladen und bis zur Grundlinie durchzubrechen, teilweise auch in den Hamburger Strafraum einzudringen. St. Pauli wird zunächst primär durch Standards aus dem Halbfeld gefährlich, schafft es aber auch mehrfach mit direkten Zuspielen in die Spitze für Gefahr zu sorgen. Röcker hatte zu Beginn der Partie sichtliche Schwierigkeiten, sich auf die Spielweise von Verhoek einzustellen.

Das Spiel ist aber nicht nur von Torraumszenen geprägt, sondern vom Start weg auch von rassigen Zweikämpfen und kleinen Nickligkeiten. Eigentlich schade, da der Spielfluss leider zunehmend unter den gehäuften Spielunterbrechungen und der aufgehitzten Atmosphäre im Stadion leidet. Analog zu früheren Auswärtsspielen – mir fallen dabei in erster Linie die Partien in Dresden (1:1) und Bielefeld (1:4) ein – geht bei der SpVgg immer dann die spielerische Linie und die Struktur im eigenen Spiel verloren, wenn der Gegner es schafft durch Kampf, Einsatz und kleine Fouls Hektik in’s Spiel zu bringen. So konnte ich auch bei diesem Spiel nach ungefähr 25 Minuten einen Bruch erkennen. Die Fehlpässe und Ballverluste häuften sich und als Schluss daraus auch der Druck der Hamburger.

Die gelbe Flut

Leider hat es der Schiedsrichter der Partie zu keinem Zeitpunkt des Spiels geschafft, eine klare, souveräne Linie in seiner Spielleitung zu verfolgen. Wie so oft endet dies in einer inflationären Anzahl gelbenr Karten, da es der Schiedsrichter nicht versteht mit Fingerspitzengefühl und Kommunikation Ruhe in die Aktionen der Akteure zu bekommen. Dazu kommt noch die absolut zweigleisige Bewertung der Vorkommnisse. Beispiel: Während Sukalo für seine ungestüme Ansprache an den Assistenten Gelb sieht, kommt Schachten für exakt das selbe Vergehen ohne Verwarnung davon. Auch die Vorteilsregelung scheint dem Unparteiischen einmal mehr ein Fremdwort gewesen zu sein. Warum der DfB für eine Partie dieser Tragweite einen unerfahrenen Schiedsrichter abstellt, wird sich mir auch nicht mehr erschließen. Ich behaupte, dass ein routinierter Bundesliga Schiedsrichter, der nicht gerade Winkmann oder Stieler heißt, mit weniger als der Hälfte der vergebenen 10 gelben Karten über die Runden gekommen wäre. Schade. Und zwar für beide Seiten.

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling

Die beiden negativen Höhepunkte der aufgekommenen Hektik: Einerseits die bereits angesprochene Situation mit Sukalo und dem Fahnenträger an der Linie. Ok – Sukalo sieht Gelb, weil man den Schiedsrichter so nicht angehen darf, klar. Aber was der Hamburger Co-Trainer danach veranstaltet, habe ich in dieser Form auch noch nicht gesehen. Läuft wild gestikulierend und lauten Wortes auf das Feld (!!), um einem gegnerischen Spieler seine Meinung mitteilen zu können. Muss man nichts dazu sagen, obwohl meine Wortwahl während der Übertragung deutlich ausgefallen ist. Verweis auf die Tribüne ist für dieses absolut unsportliche Verhalten eines Vereinsoffiziellen die Mindeststrafe.

Andererseits ist da natürlich noch die Schwalbe von Gießelmann zu erwähnen. Ich hoffe, das ist nicht die Vereinsbrille, aber ich sehe das ein wenig differenzierter, als so manche Leute in meiner Twitter-Timeline – schöne Grüße nach Köln an dieser Stelle. Eine Schwalbe ist natürlich auch grob unsportlich, das ist mir klar und das möchte ich nicht gutheißen. Aber dann ist es eben auch so, dass es gang und gäbe ist Freistöße „zu ziehen“. Im Mittelfeld wird neuerdings bei jeder kleinsten Berührung Freistoß gepfiffen und nicht darauf geachtet, ob der Angreifer auf den Kontakt aus war oder nicht. Die selbe Situation im Sechzehner ist dann plötzlich das große Unding. Damit tue ich mir schwer. Fakt ist – die Dynamik der Situation hätte mit großer Wahrscheinlichkeit einen Strafstoß nach sich gezogen, wenn der Hamburger Abwehrspieler die Situation zu Ende gespielt hätte. Pech also für Gießelmann – gelbe Karte natürlich korrekt.

Nochmal – wer Spieler für solche Situationen anprangern möchte, der soll das nach seinem reinsten Gewissen tun, muss sich aber bewusst sein, dass er dann auch die Vielzahl an Spielern beachten muss, die solche Aktionen auf dem restlichen Spielfeld suchen. Tricks gibt es dabei genug – ich habe lange genug selbst Vereinsfußball gespielt, um das beurteilen zu können. Leider hat sich das so in den Fußball eingeschliffen. Und am Ende wollen doch alle Mannschaften diese „abgezockten“ Spieler haben, die solche Situationen ausnutzen können. Seien wir doch mal ehrlich.

Schade ist es auch deswegen, weil man damit den Kritikern Angriffsfläche bietet, die die SpVgg aus mir unersichtlichen Gründen als Schauspielertruppe und unfaire Sportsmänner betrachtet. Die Schwalbe in diesem Spiel war in dieser Saison die erste Aktion, die man als wirklich grob unsportlich einordnen kann. Ich kann mich beim besten Willen an keine andere erinnern. Und es ist ja auch nicht so, als ob Florian Trinks keine FairPlay-Auszeichnung für das Reklamieren seines mit der Hand erzielten Tores in Sandhausen erhalten hätte. Ich kann mir nicht erklären, worin diese Meinungen begründet sind. Neid? Abneigung? Lust an der Diffamierung?

Zur Beruhigung der Gemüter ging es jedenfalls kurz nach der Schwalbe in die Kabinen. Das Spiel war weitestgehend ausgeglichen, die hochkarätigeren Chancen hatten jedoch die Mannen in Weiß-Grün. Eine knappe Pausenführung wäre unter dem Strich aus meiner Sicht nicht unverdient gewesen.

Der Start der zweiten Halbzeit begann mit einer kleinen Drangphase der Hamburger. Leider eine kleine Tradition in dieser Saison, dass man dazu tendiert den Start in die zweite Hälfte zu verpennen. St. Pauli kann in dieser Phase aber ebenfalls nichts zählbares einfahren. Somit folgte nach einem kleineren Leerlauf der große Knackpunkt der Partie: Die Auswechslung von Sukalo.

Schlagabtausch

Sukalo musste aufgrund akuter Gelb-Rot Gefahr vom Feld. Dafür kam positionsgetreu der zuletzt formschwache Sparv in die Partie. Und genau zu diesem Zeitpunkt war die komplette Souveränität aus unserem Spiel. Löcher im Mittelfeld, Ballverluste, unnötige Fouls. Das volle Programm. Kein Zufall also, dass das Hamburger Führungstor nach einem äußerst dämlichen Freistoß aus dem Halbfeld entsteht. Sehr bitter in dieser Phase, aber es hatte sich aus dem Spielverlauf heraus abgezeichnet. Pauli kam immer besser in die Partie und auf unserer Seite fehlte die Entlastung. Brosinski kann die Freistoßflanke halb abwehren, aber der Abpraller fällt Schachten genau vor die Füße. Marke Scheißtor mal wieder. Ich hasse die Flipperbälle im Strafraum.

Beeindruckend dann aber einmal mehr die Reaktion der SpVgg. Ich habe nicht mitgezählt, aber gefühlt gehen wir in jedem zweiten Spiel in Rückstand. Und trotzdem kommt das Team immer wieder zurück. Eine Riesenqualität in dieser Liga. So auch heute.

Innerhalb von 137 Sekunden wird das Spiel komplett gedreht. Erst ist es einmal mehr die Standard-Waffe Röcker, der einen Standard verwerten kann und kurz danach macht einmal mehr Azemi nach abermals starker Vorarbeit von Brosinski sein Tor. Geil, geil, geil! Das Stadion verstummt, es scheint alles in unsere Karten zu spielen.

Zu früh gefreut

Und dann kommt der nächste Knackpunkt: Die Einwechslung von Korcsmar. Frank Kramer mit der mutigen Umstellung auf der Rechtsverteidigerposition. Brosinski rückt nach vorne, Korcsmar soll hinten rechts dicht machen. Leider ging dieser Schachzug überhaupt nicht auf, da man sich fortan nur noch mit Fouls gegen die flinken Flügelmänner von den Braunen zu wehren wusste. Kurz vor Schluss wieder ein Freistoß. Wieder ein Flipperball im Sechzehner. Wieder ein Scheißtor. Fuck.

Ein Spiel, wie eine Achterbahnfahrt. 60. Minute: „Abpfeifen, ich nehme den Punkt.“ – 1:0: „Los jetzt, es muss ein Punkt werden!“ – 1:2: „Fuck yeah – Wir holen das Sechs-Punkte-Spiel!“ – 2:2: „Zwei verlorene Punkte.“

Unter dem Strich ist das Ergebnis wohl verdient. Beide Mannschaften haben mit Haken und Ösen gefighted, beide Mannschaften hatten ihre Chancen, beide Mannschaften haben in meinen Augen spielerisch überzeugt. Das Spiel hätte – ich bin um Ojektivität bemüht – wohl keinen Sieger verdient gehabt. Trotzdem schade, wenn man so kurz vor Spielende so nah dran ist. Für das Kleeblatt ist der Punkt natürlich mehr wert, da man einen Verfolger auf Distanz gehalten hat. Ich denke, dass St. Pauli nicht mehr in Reichweite der ersten drei Plätze kommen wird. Aber Kompliment noch an den FC St. Pauli – das war definitiv Werbung für den Zweitliga Fußball!

Keine Werbung für den Zweitliga Fußball hingegen war einmal mehr der Sky-Kommentator. Selten habe ich eine derartig sinnbefreite Begleitung zu einem Spiel gehört. Redet irgendetwas von „Aufstiegskultur“ (was soll das überhaupt sein?) und „Ekelfußball“. Ist noch dazu nicht in der Lage Spielsituationen richtig und den Regeln entsprechend einzuordnen. Ganz, ganz schwach und dem Niveau der Partie nicht gerecht geworden. Nicht das erste Mal in dieser Saison, da muss Sky unbedingt nachbessern.

Mit dem Fernglas

Für die Spielvereinigung steht als nächstes ein Montagabendspiel gegen den FC Ingolstadt auf dem Plan. ZIelstellung: Drei Punkte. Und das mit mir live vor Ort. Denn noch ein Auswärtsspiel lasse ich mir von der DFL in dieser Saison nicht nehmen.

Vorwärts, Kleeblatt!

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