Status Quo-blatt.

Einiges an Wasser ist die Ströme dieses Landes hinuntergeflossen seit ich mich das letzte Mal hier gemeldet habe. Dementsprechend ist im schnelllebigen Geschäft des Profifußballs doch das Eine oder Andere passiert. Nur verändert hat sich nicht viel. Aufarbeitungsarbeit, Verarbeitungsarbeit.

Es gab ja mal Zeiten, da habe ich diese Liga gehasst. Das ist noch gar nicht so arg lange her. Die Spielvereinigung war sportlich mehr als konkurrenzfähig und erspielte sich im Verlauf eines Großteils der Spielzeiten eine Spitzenposition, um diese in einem Spektrum von wahlweise irrwitzigen bis peinlichen Erscheinungsformen am Ende der Saison sorglos zu verzocken. Besonders im Gedächtnis haften geblieben ist mir dabei das Aufstiegsendspiel in Unterhaching, als man das Kunststück vollbrachte in doppelter Unterzahl eins zu zwei gegen die nochmal etwas kleinere Spielvereinigung aus dem Münchner Fußballdunstkreis zu verlieren.
Irgendwie wollte ich immer aus dieser Liga raus, es hat keinen Spaß mehr gemacht. Obwohl, das ist nicht richtig – sie haben Spaß gemacht, aber man wollte mehr. Die nächste Stufe erreichen. Wenn man immer so kurz davor ist, möchte man eben auch mal über den Strich rutschen ja, ohne Relegation wäre das noch so herrlich einfach gegangen – und sich kopfüber in das Abenteuer Bundesliga stürzen. Die Legendenbildung um die „Unaufsteigbaren“ fand angekurbelt von schlagwortsüchtigen Medienvertretern ihren Ursprung – und im Nachhinein betrachtet ungeahnt viele Episoden. Auf Seiten der eigenen Anhängerschaft etablierte sich das pessimistische Credo „Däi därffn doch überhabbds ned aufschdeing“ (Diese Mannschaft darf doch überhaupt nicht aufsteigen, Anmerk. der Redaktion), das sich indirekt sehr kritisch an den auch aktuell wieder zunehmend in der Stromlinie der Kritik wandelten Präsident Helmut H. richtete.

Dass das Pendel aber auch schnell mal in die entgegengesetzte (Tabellen-)Richtung ausschlagen kann, habe ich in der Saison 2004 miterlebt. Am Osterwochenende ging es da zu einem Auswärtsspiel nach Burghausen, die sich während einer ziemlich verkorksten Saison als direkter Konkurrent im Ringen um den Klassenerhalt herausstellen sollten. Das Wetter war furchtbar schlecht, es hat gegossen wie aus den sprichwörtlichen Eimern. Ich habe das Spiel neben der eilig auf der als Gästeblock ausgewiesenen Hilfskonstruktion abgestellten Frau des Präsidenten verfolgt und konnte mich zusammen mit den Mitgereisten über einen ungefährdeten 2:0 Auswärtssieg freuen. Das Spiel sollte der Startschuss für einen Zwischensprint sein, der den relativ ungefährdeten Klassenerhalt sicherstellte. Auf der gefühlt ewigen Heimfahrt von der österreichischen Grenze in die mittelfränkische Heimat konnte das Gefühl der Erleichterung nach Wochen des Bangens nur ganz selten vom unangenehmen Gefühl der klatschnassen Hosenbeine verdrängt werden. Das „Wir bleiben drin!“-Mottoshirt der damaligen Fahrt habe ich übrigens noch heute in den Tiefen meines Kleiderschrankes. – Und ich glaube, dass ich das wieder aus den Tiefen meines Kleiderschrankes graben muss.

Warum ich das alles erzähle? Nun, das hat einen relativ einfachen Grund: ich fühle mich derzeit sehr oft an diese gegenpoligen Situationen erinnert. Auch aktuell mag es für den Verein sportlich nicht laufen. Und das ist angesichts der eingangs der Saison vorherrschenden Erwartungen noch sehr zurückhaltend formuliert. Der Sog der Erfolglosigkeit zieht einen allmählich, aber beängstigend stetig in seinen Bann. Und es erscheint ein schier unmöglicher Kraftakt zu sein, aus diesem Auszubrechen. – Oft muss ich zurzeit an die Reise nach Burghausen denken. Eigentlich vor jedem Spiel, weil ich mir einen Befreiungsschlag wünsche. Weil ich mir wünsche, dass die Mannschaft sich von der Zwangsjacke der sportlichen Tiefschläge befreien kann und ihr wahres Gesicht zeigt. Aber: Kann sie das überhaupt? Hat die Mannschaft ein anderes Gesicht? Oder sind wir vielleicht auch einfach mal dran, haben in dieser Saison wir den schwarzen Peter in der Tasche? – Ich weiß es nicht. Und genau das nimmt einen so furchtbar mit. In der Sehnsucht nach Siegen, nach dem guten Gefühl eines Heimsiegs und nach dem guten Gefühl, wenn man am Montagmorgen die Tabelle mit einem Lächeln im Gesicht aufschlagen kann, ertappe ich mich bei der Feststellung, dass die zweite Liga ja vielleicht doch nicht ganz so schlecht ist, wie ich in jüngeren Jahre mal dachte. Und dass ich schon sehr dankbar wäre, wenn wir daran noch etwas länger teilnehmen könnten. Bundesligatauglich wird unser Verein ohne massive externe Hilfe nicht mehr. Zu groß ist die Lücke in jeder Hinsicht zu dort etablierten Vereinen. Aber zweite Liga – das wäre schon cool. Da gehören wir schon auch irgendwie hin.

Das Paradoxe an diesen schwierigen Phasen ist aber ja, dass man auf eine seltsam masochistische Art die Liebe zu seinem Verein neu findet. Oder zumindest geht es mir so, ich kann da natürlich nicht für alle sprechen. Ich habe mir in den letzten Monaten selten so viele Gedanken über die Fahrt zu Auswärtsspielen gemacht, wie aktuell. Ich spüre, dass auch ich meinen Teil beitragen muss, um den GAU abzuwenden. Im Endeffekt ist es wohl eine Form von Trotzreaktion. So hilflos, wie man auf der Tribüne dazu verdammt ist das verkrampfte Spiel der Kicker in den weiß-grünen Trikots mit besten Wünschen und Stoßgebeten zu verfolgen – so viel intensiver erlebt man diese Momente. Jedes Spiel durchläuft momentan die Gefühlsiterationen Hoffnung, Glaube, Enttäuschung, Frust, Trotz, Erleichterung, Zuversicht. Man redet sich ein, dass man aus irgendwelchen Gründen ja ohnehin nicht absteigen kann und sich ja bestimmt mindestens drei andere Teams finden werden, die weniger Punkte erbeuten können. Die Mannschaft hätte ja auch nicht schlecht gespielt. Oder zumindest nicht so deutlich schlechter, als der Gegner aus dem gesicherten Tabellenmittelfeld. Aber ist das wirklich so? Leider muss ich zugeben, dass ich das letzte Spiel stellenweise mit blanker Angst zugebracht habe. Angst, weil der Trend aktuell so rational, wie nur möglich, betrachtet leider für die anderen spricht. Angst, weil ich diesen Verein so sehr liebe und mir ein Abstieg große Sorgen um sein Fortbestehen bereiten würde. Während die Konkurrenz sich im regelmäßigen Wechsel (neuerdings sogar choreographiert) anschickt Dreier einzufahren, treten die Fürther Berufsfußballer mit zu vielen Unentschieden auf der Stelle. Der von der Presse vor einigen Tagen noch als „komfortabel“ eingestufte Vorsprung von fünf Punkten schmilzt zusammen, der Puffer beträgt aktuell umgerechnet noch einen schlecht verlaufenden Spieltag. Drei Punkte. Drei Punkte bis zur Kante der blanken sportlichen Existenzangst. Fakt ist – was bei einem Abstieg passieren würde, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand ohne Einblick in die internen Vereinsplanungen prophezeien. Eine Katastrophe wäre es aber ohnehin. Und so sehr ich mich versuche dagegen zu wehren – man kommt einfach nicht drumherum, sich mit diesem Szenario zu beschäftigen. Zu ratlos wirkt der Trainer angesichts der vielen Baustellen auf mich. Zu verunsichert und konzeptlos wirkt die Mannschaft auf dem Rasen für mich. Und das einzugestehen ist wirklich hart.

Aufstehen, weitermachen. (Quelle: spvgg-fuerth.com)
Aufstehen, weitermachen. (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Anscheinend bin ich aber nicht alleine mit meiner Gefühlslage. Das gestrige Spiel gegen die Eisernen Berliner hat einmal mehr von einem wechselnden Stimmungsbild gezeugt. Das Fürther Publikum scheint verstanden zu haben, dass der richtige Zeitpunkt für Unmutsbekundungen erst nach dem vierunddreißigsten Spieltag sein kann. Ich habe von einem Treffen der Fanszene mit dem Mannschaftsrat erfahren – auch das hat wohl seinen Teil dazu beigetragen. Ich konnte über das ganze Spiel keinen Pfiff wahrnehmen, nur positive Unterstützung, Aufmunterung und lautstarken Support. Und es fühlt sich richtig gut an, so wie es war. All die Emotionen bündeln und die Jungs auf dem Feld trotz aller Verunsicherung nach vorne treiben. Die Mannschaft hat es verdient, zeigt sie doch in den letzten Spielen tolle Moral. Ja, es ist weit entfernt von Zauberfußball, Tikitaka und dem ganzen Schmarrn, aber ich kann deutlich sehen, dass die Truppe bemüht ist. Sie wollen den Bock umstoßen, stehen sich nur leider zu oft selbst dabei im Weg. Und auch auf den Rängen müssen wir unseren Teil dazu beitragen, um unabhängig von Einzelschicksalen das große Ganze erreichen zu können.

Mein Beitrag für die restlichen Spiele wird zunächst mal klein anfangen. Ich werde mich dann wohl mal in den Weiten meines Schrankes auf die Suche nach meinem „Wir bleiben drin“-Shirt machen und hoffen, dass es bei einem der kommenden Auswärtsspiele ordentlich regnet. The spirit of Burghausen! Lasst es uns noch einmal tun.

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