Kopfbälle und Kopfnüsse.

Eigentlich sollte man ja von dem Gedanken überzeugt sein, dass Fußball ein vergleichsweise relativ simpler Sport ist. Man darf den Ball mit jedem Körperteil ausschließlich der Arme und Hände spielen. Der Ball muss in das Tor. Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift und am Ende gewinnen die Bayern. Soweit hat das wohl jeder schon mal so oder zumindest so in der Art gehört. Alles andere ist nicht so wichtig. Dass aber das Spielen mit dem Kopf nicht nur durch die Regeln erlaubt ist, sondern im postmodernen Fußball sogar unter die Rubrik „Zwingend erforderlich“ fällt, hat sich zuletzt am vergangenen Freitag einmal mehr bewiesen. Nein, ich rede nicht vom bloßen Weiterleiten des Spielgerätes als Teil eines Spielzuges, sondern von der sagenumwobenen mentalen, psychischen Stärke bei den Fußballgöttern aller Herren Länder. Nun, es ist momentan sicher nicht so, dass der lokale Sportverein seine Anhänger mit begeisterndem Fußball verwöhnt. Die elf Mannen auf dem Feld wirken dieser Spieltage in eigentlich jeder bisher aufgebotenen Konstellation, als ob sie sich gerade spontan und unverbindlich zum Kicken auf einer öffentlichen Wiese getroffen hätten. Ungeachtet aller technischen Nicht-Raffinessen jedoch fällt mir eine konstant Unkonstante auf: Rückschläge lassen das Fürther Kartenhaus zusammenfallen.

Freitagabend kurz vor 19 Uhr. Die Spielvereinigung duelliert sich mit den ähnlich durchwachsen bis heiter durch die Liga navigierenden Löwen. Die ersten Minuten deuten auf eine deutliche Verbesserung hin. Die Mannschaft drängt auf das Tor, vermittelt den Eindruck um jeden Preis das gottverdammte Tor mal wieder machen zu wollen, stellt sich dabei aber ähnlich umständlich an, wie über weite Strecken der Saison schon. Nachtigall … Etwas über zwanzig Minuten dauert diese Drangphase, bis sich das Spiel zunehmend wieder beruhigt. Und schließlich den – wöchentlich grüßt das Murmeltier – fast schon zur Gewohnheit werdenden, enttäuschenden Verlauf nehmen sollte. Gegentreffer. Ich würde sagen – fast aus dem sprichwörtlichen Nichts. Ein schneller, zielstrebiger Konter. Bumms.

Damit sollte der Kopfball zur Kopfnuss werden. Einer Nuss, die sich über die Restdauer der Begegnung als nicht zu knacken erweisen sollte. Einmal mehr, parallel zum Büskenschen Premierenspiel auf dem Betzenberg, konnte man erkennen, wie die ganze Überzeugungsarbeit der Trainingswoche von einer Sekunde auf die andere obsolet wurde. Ein einen Rückstand auslösender Gegentreffer stellt aktuell mit großer Wahrscheinlichkeit den Grundstein für eine abermalige Niederlage dar. Niemand im Mannschaftsgefüge scheint in der Lage zu sein, sich von diesen Rückschlägen freizumachen. Der Kopf geht nach unten, die Verantwortung wird liebend gerne an den Nebenmann weitergeschoben. Niemand, der sich einmal ein Herz nimmt. Keine Kreativität. Kein Zug zum Tor. Pure Fehlervermeidung als Motiv der persönlichen Spielbeteiligung. Nein – das kann es nicht sein. Wozu beschäftigt man einen ausgebildeten Sportpsychologen? Wozu gibt es ein Mannschaftsgefüge, diese ominöse „Mischung“? Oder existiert diese(s) nur auf dem Papier? Führungsspieler, wo? – Dass die Mannschaft auch ohne den Sog des Negativstrudels keine Bäume ausreißen würde, weil ihr wohl im Endeffekt die Qualität fehlt, ja, darüber brauchen wir nicht reden. Selbst meine optimistisch eingestellte Wenigkeit muss mittlerweile etwas kleinlaut eingestehen, dass ich lange von diesem Kader überzeugt war. Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher. Ich habe der Rückkehr von Mike Büskens mit großer Vorfreude entgegengesehen. Ich war überzeugt, dass er der Richtige ist, um diesen Kader wieder auf den Weg der Besserung zu führen. Ich bin nicht mehr sicher. Ich bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt ein Trainer dieser Welt aus dieser Mannschaft mehr herausholen könnte. So bitter es sich anfühlt, das mit einem momentan Gott sei Dank noch halbwegs komfortablem Vorsprung auf die Kellerpositionen der Liga zu sagen – meine Hoffnung schwindet. Es muss jetzt das Ziel sein, sich möglichst schadlos aus der Affäre zu ziehen. Von einer einstelligen Platzierung und attraktiven Neuverpflichtungen für die kommende Spielzeit kann man sich ohnehin wohl schon jetzt gedanklich verabschieden. Was bleibt? Bangen, dass man sich durchwursteln kann und auch die verfolgende Konkurrenz nicht schneller in die Spur findet. Wer hat Angst vorm schwarzen … Abstiegsgespenst?

Das Kopfballspiel, um nochmal den Bogen zu spannen, stellt allerdings auch zunehmend eine ungeahnte Herausforderung für die vermeintlich Unbeteiligten dar – das leidgeprüfte Publikum auf den Tribünen. Ein Faktor, der während einer sportlichen Talfahrt nicht zu unterschätzen ist. Aufstöhnen bei Fehlpässen, dieses begleitende Murren im Rund, Tinnitus verursachende Pfiffe. Das war ja schon länger an der Tagesordnung. Verständlich, wie ich finde. Die Leute tragen ihr Geld ins Stadion und möchten von der Mannschaft ihres Herzens Leistungen sehen. Entlohnung. Belohnung. Sicherlich ist niemand so anspruchsvoll, im Ronhof ausschließlich championsleaguereife Darbietungen zu erwarten. Aber man darf wohl schon mindestens erwarten, dass mal das Tor getroffen wird. Nur ein mickriges Scheißtor will ich mal wieder sehen. Und somit vielleicht auch mal wieder ein Spiel gewinnen. Beinahe grotesk mutet dieser unsägliche Torfluch schon an. Und auf manch einen mag auch grotesk anmuten, was sich kurz vor Spielende auf den Tribünen abspielt. Imaginäre Tore werden dort bejubelt. Diese Situation gab es in der Bundeliga Saison ebenfalls schon einmal. Auch da war die Empörung nach dem Spiel groß, insbesondere von den Führungsspielern medienwirksam vorgetragen – liebe Grüße, sehr verehrte Bildzeitung. Wie kann man nur? Tja nun, was soll ich sagen. Man sollte mal lieber vor der eigenen Haustüre kehren gehen, sich um seine eigenen Belange kümmern. Um Dinge, die man auch direkt beeinflussen kann. Ich kann den stollentragenden Herrschaften versichern, dass insgeheim jedem treuen, aufrichtigen Anhänger das Herz aus jeder Öffnung blutet, wenn er aus Protest zu solchen harschen Mitteln greifen muss. Aber was ist denn die Alternative? Es muss erlaubt sein, nach solchen Vorstellungen, und das in Serie, Protest zu äußern. Wäre es der Mannschaft lieber gewesen, wenn sie die letzten 15 Minuten durchgängig ausgepfiffen worden wäre? Sollen wir eine Sitzblockade vor dem Mannschaftsbus starten? Oder doch lieber der weitestgehend friedliche, ironische Ansatz? Eben. Wir reden hier von professionellem Fußball, wir reden von einem Leistungsprinzip. Wenn diese Leistung nicht erbracht wird, muss man als Arbeitnehmer mit hinreichenden Konsequenzen rechnen. So leid mir das in dem Moment für die verdutzten und ja auch zurecht ebenfalls aufgebrachten Spieler tut, gehört es nunmal einfach zum manchmal harten Geschäft dazu. – Sicherlich, auch wir Anhänger müssen aufpassen, dass wir nicht auch noch alles in unserer Hand liegende an die Wand fahren, das ist völlig klar. Aber wir werden sicher auch nicht tatenlos und brav nickend zusehen, wie sich der Verein langsam dem Abgrund nähert. Dieser Verein ist für viele Leute Herzblut, für manche sogar das, was ihr Leben bestimmt – da schluckt man solche Enttäuschungen nicht einfach mal runter und geht freudestrahlend in der Gustavstraße noch ein Bierchen trinken. – Vielleicht sind auch die Fans in der aktuellen Situation keine Kopfballungeheuer, aber wir als Ganzes, als Verein, müssen wieder an den Punkt kommen, den Bock umstoßen zu wollen – um jeden Preis und jeden unterstützend, der ebenfalls dieses Ziel verfolgt. Es gab jetzt einmal einen gehörigen Knalleffekt nach dem Spiel, jetzt muss es gut sein und jeder sich der bedeutenden Sache unterordnen. Ein Abstieg, auch wenn er ehrlicherweise im Moment noch – hoffentlich kann ich dieses Wort bald wegen einer Wende zum einigermaßen Guten streichen – eher unwahrscheinlich ist, wäre eine mittelschwere Katastrophe für unseren Verein. Der Abstiegskampf erfordert, dass alle an einem Strang ziehen. Selbstzerstörung bringt absolut nichts. Nein, wir können mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sein, aber Verfehlungen sind passiert und können nicht mehr geändert werden. Der Fokus muss darauf liegen, die Situation gemeinsam zu lösen. Mit jedem Mann. Mit der vollen Überzeugung zu einem eminent wichtigen Spiel ins Erzgebirge zu fahren und unser schlaffes Kleeblatt wieder in die Spur zu setzen. Kopfballspezialisten dürfen dabei sehr gerne vorneweg gehen!

Kleeblatt - unsere Herzen schlagen nur für dich!
Kleeblatt – unsere Herzen schlagen nur für dich! (Quelle: spvgg-fuerth.com)

Vorwärts, Kleeblatt!

 

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